Wie ein Blatt im Wind

Ihr Atem wird langsamer. Ein seichtes, pfeifendes Geräusch entweicht ihren alten Lungen.
Ich lausche, wage nicht, mich zu bewegen, während ich darüber nachdenke, wie viele Male eine neunzigjährige Lunge den lebensnotwendigen Sauerstoff ein- und ausgeatmet hat.
Ihr Körper fühlt sich ungewöhnlich an. Fremd. Kantig. Eine Skulptur aus Stein gemeißelt.
Dennoch vernehme ich einen angenehmen Geruch. Seife. Ein leichter Duft. Kein schweres Parfüm. Frische Laken. Eine Blumenwiese im Frühling. Helena muss sich sehr um dieses letzte Bett bemüht haben.
Sie bemüht sich immerzu. Keine Last sei ihr zu schwer, wenn es um ihre Großmutter ginge, hat sie gesagt. Die Großmutter ist ihr das Einzige. Wie lange noch?
Stille umgibt uns. Totenstille. Der Tod klopft nicht an die Tür. Nein. Er schleicht sich durchs offene Fenster, heimlich, kriecht unbemerkt durch die Ritzen zwischen den Holzdielen.
Stille. Nur das kaum wahrnehmbare Pfeifen ist zu hören. Das Leben pfeift ein letztes Lied. Kein Trauerspiel. Ein Lied über den Frieden und die Liebe. Ein Lied von der Sehnsucht und der Erfüllung. Ihr letzter Wunsch. Er hat sich erfüllt. Meinetwegen? Durch Zufall? Durch die Fügung des Schicksals?
Eine letzte Melodie, die dieser alten Dame den Weg geleitet.
Ein stolzes Segelschiff, längst außer Dienst gestellt. Die letzte Ehre auf ihrem letzten Weg. Die Segel eingeholt und vertäut. Fest verzurrt in ihrem Heimathafen. Liebevoll instand gehalten. Helenas Hände. Ihr unerschütterliches Gemüt.
Ich lausche der alten Dame neben mir, sehe aus dem Augenwinkel ihr weißes Haar. Weiß wie das Bettzeug, indem wir beide eng beieinanderliegen. Rein und weiß. Wie ihre Seele. Meine nicht.
Ihr Atem wird flacher. Stakkato. Das seichte Pfeifen. Die Melodie des Todes.
Ja, ich bin bei dir. Zurückgekehrt. Ich halte dich, bis die Melodie verstummt. Bis zum Schluss.
Sie öffnet ihre müden Augen. Unsere Blicke treffen sich. Ich schenke ihr ein Lächeln.
Stumm sagt sie mir, dass sie nun geht. Sie sieht mich an. Ich sehe in ein Meer. Endlos. Uferlos. Gefüllt mit Glück.
Leb wohl, sage ich ihr. Nur mit dem Blick. Leb wohl, antwortet sie mir. Ihre Augen schließen sich. Es ist so weit. Das Atmen endet. Ihre Lungen stellen den jahrzehntelangen Dienst ein. Ihr Herz schlägt ein letztes Mal und geht fort.
Ich halte ihre Hand. Pergamentpapier. Adern ohne Puls. Uhr ohne Zeiger. Der Tod ist gnädig, gewährt diesen letzten Moment, bevor er die alte Dame mitnimmt. Ins Unbekannte.
Ihr letzter Atemzug, ihr letzter Blick.
Ihren Mann nimmt sie mit ins unbekannte Reich. Dankbarkeit.. Ruhe sanft, du mir fremde alte Dame. Ruhe sanft.

Dr. Carlsson schaute kurz zu Helena. Er nickte. Freundlich. Mitleidig.
Vier Wochen, vielleicht fünf, kaum mehr, hatte seine Prognose bei seinem letzten Hausbesuch gelautet. Er behielt Recht. Helenas Großmutter verstarb dreißig Tage nachdem sie dem Doktor im Beisein ihrer schlafenden Großmutter die Frage gestellt hatte. Die Frage nach der Zeit. Der Verbleibenden.
Er ließ Helena wissen, dass es spekulativ wäre, nicht vorhersehbar. Aber angesichts der Tatsache, dass sie nun endlich durch diesen Deutschen ihren Frieden gefunden hätte, könnte es absehbar sein.
Es klang abwertend, und es gefiel Helena überhaupt nicht, dass sich Dr. Carlsson so über Oliver äußerte.
… durch diesen Deutschen.
Und ihre Frage wurde durch die vage Aussage auch nicht beantwortet. Es hätte alles bedeuten können. Sie mochte Dr. Carlsson. Eigentlich. Sie kannten sich seit Jahren. Aber das, was er sagte, wirkte unhöflich auf Helena. Hier ging es nicht um Oliver, hier ging es um ihre geliebte Großmutter. Um ihre Krankheit, ihr Wohl, ihre Zeit, die davoneilte.

Sie verlor sich für einen Moment in Erinnerungen an jene Zeit, als es angefangen hatte. Die ersten Anzeichen der Krankheit kaum wahrnehmbar. Ein dunkelnder Himmel im Sommer. Keine Vorwarnung auf ein nie enden wollendes Unwetter. Die Diagnose dann wie ein heranziehendes Gewitter. Helena war gerade einmal vierzehn Jahre alt. Als Blitze am Himmel zuckten, das Grollen des Donners darauffolgte, endete Helenas Kindheit.
Liebe überdauert alles. Ich bleibe für sie bei ihr, bis zum Schluss.
Helena war im südlichen Schweden aufgewachsen. In einem Heim. Die Eltern, verlorengegangen. Irgendwann. Irgendwo. Ihre Oma holte sie aus der Unerträglichkeit des Heimlebens und nahm sie zu sich.
Die Antworten auf Helenas Fragen, wieder und wieder, suchend nach der Wahrheit und dem Verbleib von Vater und Mutter, blieb die Oma ihr schuldig. Sie verloren sich in Vergesslichkeit und den Wirren einer Krankheit, die von Biografien lebt. Sie frisst Erinnerungen, diese Krankheit. Stück für Stück. Bis nur noch ein Vakuum bleibt.
Es war zu spät. Niemand sonst, der ihr hätte helfen können. Die Fragen nach ihren Eltern blieben unbeantwortet.
»Kind, du wirst den Verlust ihres Gedächtnisses nicht aufhalten können«, sagte Dr. Carlsson. »Du kannst es ihr nur so erträglich wie möglich machen. Es tut mir leid.«

Der Arzt bemerkte sofort ihren Unmut, versuchte seine Aussage über den Neuling zu relativieren, indem er sie auf väterliche Art in den Arm nahm.
»Er ist bestimmt ein netter Kerl, dieser Oliver«, so meinte er abschließend, »und manchmal sind Gottes Wege unergründlich. Deine Großmutter hat so viele Jahre gewartet. Wenn es das war, was sie am Leben hielt, dann ─«
Helena unterbrach ihn, bedankte sich für sein Erscheinen und nutzte die Situation, um sich aus seiner Umarmung zu befreien.
»Wir telefonieren, und vielen Dank, Doktor.«

Am Tage der Trauerfeier fanden sich sieben Personen im Hause von Helenas Großmutter ein. Sieben. Helena und mich mitgerechnet.
Eine gedämpfte Atmosphäre aus mitleidigen Blicken und Beileidsbekundungen lagen wie dichter Nebel im Raum, in dem wir uns versammelt hatten, um der alten Dame die letzte Ehre zu erweisen. Ich hasste Trauerfeiern. Die beklemmende Stimmung machte aus mir einen unbeweglichen Statisten.
Ich fühlte mich wie Buster Keaton aus der alten Zeit der Stummfilme. Blass, still, traurig. Trauerfeiern ließen meine Charaktereigenschaften einfrieren. Eiszeit.
Nur ein paar wenige Personen aus der Nachbarschaft hatten sich zu der kleinen Trauerfeier eingefunden. Unter ihnen der Pfarrer und ein Großonkel aus Göteborg. Ein dicker Onkel, dessen Anzug grotesk wirkte. Er musste ihn das letzte Mal zu seiner Konfirmation getragen haben. Ein Pinguin, der zu platzen drohte. Natürlich traf man ihn in unmittelbarer Nähe des Tisches an, auf dem Helena liebevoll kleine Häppchen drapiert hatte. Leichenschmaus. Liebevoll in Szene gesetzt. Zu viel von allem. Es hätte für ganz Südschweden gereicht.
Wen erwartete sie noch? Oder kannte sie die Essgewohnheiten des Onkels aus Göteborg? Er war Geschäftsmann. Immobilienmakler. Als er sich während der Trauerfeier dem Pfarrer gegenüber äußerte, was dieses kleine Häuschen in Strandnähe wohl »bringen« könnte, warf Helena ihm einen missbilligenden Blick zu. Er redete ungeniert weiter. Diskretion? Fehlanzeige! Er war dick, und er war laut. Ein unsensibler, übergewichtiger Pinguin, der den Weg hierher nur auf sich genommen hatte, um den Marktwert des Hauses zu analysieren. Helenas Haus. Der dicke Pinguin bemerkte den Blick, räusperte sich und beendete die rhetorische Fragestunde, indem er sich dem Buffet zuwandte und ein paar Häppchen in sich hineinstopfte.
Helena hingegen war großartig. Diszipliniert, gefasst. Ihre Selbstbeherrschung machte sie noch attraktiver, als sie ohnehin schon war. Selbst in dieser Situation. Traurige Schönheit. Du.
Abends dann, die Trauergäste hatten sich verabschiedet, und ich wurde langsam wieder ich selbst, kam Helena auf mich zu, wütend, ohne Selbstbeherrschung.
»Was bildet der sich ein?«
Sie drehte die Visitenkarte des Großonkels in ihrer Hand und legte sie mit einer verachtenden Geste auf die Anrichte neben dem Sofa, auf dem ich saß.
»Wer ist dieser Kerl?«
Sie sah mich an und konnte das kurze Grinsen nicht verhindern, welches ihr für den Bruchteil einer Sekunde über ihr hübsches Gesicht huschte.
Ich sah es, zwang mich, es nicht zu erwidern. Ihr war es bewusst. Sofort. Forensische Analytikerin. Immer wunderschön. Selbst unter Trauer.
»Vielleicht ist er gar kein Onkel? Wie auch immer ... Er wird hier gar nichts kaufen oder verkaufen. Zum Glück ist er fort.«
Helena sprach in einem Englisch, das mich bei jedem Wort dazu brachte, mich neu in sie zu verlieben. Ihr schwedischer Akzent ließ Eisberge schmelzen. Schwedisch zu lernen, dauerte seine Zeit. Ich war bemüht, aber wir unterhielten uns meist in der englischen Sprache.
Ich saß da und lauschte ihren Worten, während meine Blicke dieses wunderschöne Wesen aufnahmen und im Gedächtnis konservierten. Helena.
Mein Blick löste sich nur schwer von ihr, wanderte für einen kurzen Moment zu der Anrichte. Die Visitenkarte war von hier aus nicht zu sehen. Das Foto von mir schon. Ein Passbild. Voller Falten. Zu lange war es schutzlos in meiner Hosentasche mitgereist.
Ich schloss die Augen. Sie redete, äußerte sich weiter abfällig über den Pinguin, aber ich hörte sie nicht mehr. Mein Gedankenkarussell nahm Fahrt auf. Mit dem Foto in der Flasche hatte alles begonnen. Ein Abschiedsbrief an irgendwen. Das Meer als Bote. Danke dafür.
Als ich die Flasche bei Aalborg in den Fjord warf, war ich längst schon tot. Helena, meine Rettung. Schwedische Schönheit. Griechische ebenso. Eltern ─ dort bekannt. Tochter von Zeus und Leda. Eltern hier? Unbekannt. Die alte Dame. Gelöschte Biografie. Ihr Gedächtnis von einem gefräßigen Tier verspeist. Alzheimer. Ohne Erinnerungen. Außer die an ihren Mann. Bis zum Schluss.
Helena redete über den dicken Onkel. Ich war in Gedanken weit weg.
Es gibt keine Zufälle. Das hier sollte so sein. Danke, Gott. Du wolltest mich noch nicht. Nein. Du hattest andere Pläne. Für mich. Für die alte Dame, die so viele Jahre hatte warten müssen, bis ihr Liebster zurückkehrte. Niemand glaubte mehr daran. Nur sie. Wer kehrte schon nach über sechzig Jahren aus dem großen Krieg zurück? Niemand.
Niemand außer mir.
Und wahrscheinlich wollte ich gar nicht sterben, auch wenn ich lebensmüde war. Ich war einsam. So wie die alte Dame.
Ich öffnete die Augen. Helena. Griechische Göttin. Sie fragte, ob ich ihr zugehört hätte? Nein, nicht wirklich. Entschuldigung. Der Tag war anstrengend. Für uns beide. Ich war müde.
Wir gingen gemeinsam zu Bett. Ich küsste ihre Stirn. Sie war wundervoll, hatte den schweren Tag gut gemeistert. Ihre Augen sagten Danke. Ihr Kuss sagte, ich will dich. Sie bekam mich. Leidenschaftlich. Ganz.
Anschließend lagen wir da. Still. Dicht aneinandergeschmiegt. Dieses Wort anschmiegen. Unser erster gemeinsamer Abend. Der Spaziergang. Unsere Hände hatten sich gefunden. Unsere Herzen auch. Unten am Strand.
Wir schliefen gemeinsam ein.

»Kind, woher hast du das Foto deines Großvaters?«
Die Frage war eine Verwirrung. In sich.
»Welches Foto? Großvater? Oma, es tut mir so leid, dich so zu sehen.«
Entrückt der Welt, in der sie lebte. Je mehr ihr die Krankheit Erinnerungen aus dem Gehirn fraß, umso öfter redete sie von Hendrik. Ihrem Mann. Helenas Großvater. Verschollen seit dem zweiten Weltkrieg. Irgendwo oben an der finnischen Grenze zu Russland. Schnee und Eis. Hunger und Sehnsucht.
Es gab ihn für Helena nur aus Erzählungen. Keine Erinnerungen. Kein Foto.
»Kindchen, das ist doch mein Hendrik.«
»Es tut mir so leid, Oma. Ich wünschte, er wäre hier. Bei dir. Du musst ihn so sehr geliebt haben.«
Er stemmte sich vehement gegen das Vergessen. War allgegenwärtig. Helena vergaß sie an manchen Tagen. Ihn nicht. Er hatte sich eingegraben. Ließ nicht zu, dass er verschwand. Er war bei ihr.
Welches Foto?
Heute war einer dieser Tage, an denen sie Helena vergessen hatte.
»Ich bin es Oma, Helena. Wir sind daheim. In unserem Haus in Schweden.«
Wo denn Schweden wäre?
»Oma … hier! Hier, wo wir leben. Schweden. Am Meer. Möchtest du hinunter ans Meer? Ich hole dir den Rollstuhl.«
Sie wollte nicht. Sie kannte Helena nicht. Sie war in einem unbekannten Land. In einer Welt, die immer kleiner wurde. Erinnerungen sollten bis zum Schluss bleiben. Erinnerungen machten das Leben aus.
Sie starrte auf das Foto.
Dieses Foto?
Das mit den vielen Falten, die sich wie weiße Äderchen über das Gesicht des fremden Mannes zogen. Dennoch war er gut zu erkennen auf diesem Passbild.
Das Foto.
Zusammen mit der Nachricht in der Flaschenpost. Bis nach Südschweden war die Flasche geschwommen, allein auf hoher See, bevor sie sie eines Morgens fand. Ein Fremder. Aus Deutschland. Attraktiv, aber so einsam. Und traurig. Eine Tragödie. Ein Hilferuf.
Nun stand dieses Bild mit den weißen Falten auf der Anrichte im Hause Hansen. Gleich neben dem kleinen Zettel, der voller verzweifelter Worte gekritzelt war. Sie hatte sich die deutschen Zeilen übersetzen lassen.
Es waren Worte voller Tränen. Mit zittriger Hand geschrieben.
Worte, die Helena nachts wachwerden ließen. Worte voller Verzweiflung und Sehnsucht.
Dann schlich sie hinunter zur Anrichte. Wie ein kleines neugieriges Kind vor Heiligabend. Barfuß. Oma schlief. Schweden schlief. Nur das Meer war noch wach.
Las die Worte. Wieder. Und wieder.

Ich weiß nicht warum.
Ich weiß nicht wohin.
Ich möchte tot sein.
Ein letzter Gruß an die Welt.
Sie ist nicht mehr meine.
Ich bin müde.
Vergesst mich bitte nicht.

Auf der Rückseite ein Name. Sein Name. Und das Foto. Beides zusammengerollt, damit es durch den schmalen Flaschenhals gepasst hatte. Verschlossen. Mit einem Korken.
Wochen hätte die Nachricht nicht überstanden. Das Salz des Meeres. Es hätte den Korken langsam gefressen. So wie die Krankheit der Großmutter Erinnerungen fraß.
Wie lange war diese Flasche übers Meer geschwommen? Warum?
Lebte er noch? Der Deutsche? Oliver. Warum das Foto? Die unbeantworteten Fragen blieben bei ihr. Schliefen mit ihr ein. Nacht für Nacht. Seit Tagen.

»Woher hast du das Foto von meinem Hendrik? Wird er heimkommen? Es ist doch schon spät.«
Starrte. Wie so oft in letzter Zeit. Auf die Anrichte.

Erinnerungen schwinden Stück für Stück.
Gedächtnis kommt nie mehr zurück.

»Dieses Foto hier, Oma? Das ist der fremde Mann, dessen Flaschenpost ich unten zwischen den Steinen im Wasser gefunden habe.«
Nein. Er sei der Verschollene. Ganz sicher.
»Sehen sie sich ähnlich, Oma?«
Ähnlich? Wem denn ähnlich? Nein. Es sei ihr Hendrik. Ihr Liebster. Schon immer.
»Ach Oma. Ich mache dir einen Pfefferminztee. Den magst du doch.«
Sie antwortete, sie hätte noch nie einen Pfefferminztee getrunken.
Helena überlegte im Stillen: »Hat der einsame Deutsche wirklich solche Ähnlichkeit mit meinem Großvater? Wenn dem so ist, dann weiß ich was. Einen Versuch.«

Ich sah nichts mehr. Tränen trübten jeden Blick. Um mich herum nur Leere. Die Schönheit der Natur, des Fjordes. Es drang nicht zu mir durch. Die Zeit in Hamburg, im Gefängnis, sie hatte ihren Preis. Einen hohen Preis.
Die falschen Freunde. Die falschen Entscheidungen. Mutter. Es brach ihr das Herz.
Ich holte aus, weit aus. Die Flasche segelte im Wind. Schrieb einen Bogen in den Himmel, bevor sie ins Wasser fiel.
Ich dachte an mich als kleiner Junge, der seine Welt entdeckte und Steine in den Bach warf, der sich hinter dem Anwesen der Eltern durch die Wiesen fraß.
Robinson Crusoe. Ohne Freitag. Die Spuren im Sand, meine eigenen.
Vater schimpfte jedes Mal, wenn ich mit dem Schmutz der Natur nach Hause kam. Unbeherrscht. Dabei wollte ich ihm immer imponieren, gerecht werden. Ihm davon berichten, was ich entdeckt hatte. Aber er wollte keinen Entdecker. Er wollte einen Thronfolger für sein Imperium. Es machte mich jedes Mal traurig.
Ich hatte andere Pläne mit mir. Ich wollte seinen Platz nicht. Er zeterte und schrie. Immer öfter. Je älter ich wurde. Er sprach von Enterben und Entzweien, während Mutter versuchte, der Konsequenz die Stirn zu bieten. Vergeblich.

Ich hatte mein Elternhaus in den frühen Morgenstunden vor Sonnenaufgang verlassen. Im Alter von neunzehn Jahren. Für immer.
Bis auf Vincent, unsere Dogge, schliefen alle im Haus, als ich mich auf Strümpfen, mit den Schuhen in der einen Hand und der Reisetasche in der anderen, auf und davon machte.
Der Hund bemerkte mich, als ich die riesige Treppe unserer Altherrenvilla hinabging. Die sechste Stufe verriet mich. Das Knarren der Treppendiele ließ unsere gute Seele hochschnellen.
Vincent tat sich schwer, wenn es darum ging, zu unterscheiden, ob jemand das Haus verließ, um etwas zu erledigen oder um mit ihm Gassi zu gehen.
Er kam also auf mich zu, dieses mächtige schwarze sabbernde Etwas, in freudiger Erwartung, aber ich enttäuschte ihn an diesem Morgen ebenso wie meine Eltern. Er verstand den Hintergrund meines frühen Aufbruchs falsch und fing aufgeregt an zu bellen.
Und hierzu musste man unser Haus kennen. Der Eingangsbereich mit seinen beidseitigen Treppenaufgängen hatte das Fassungsvermögen und die Dimensionen einer Konzerthalle, und dementsprechend war auch die Akustik, als er zu bellen begann.
Das Gebell eines Hundes mit einem Gewicht von etwa sechzig Kilogramm wäre in einem normalen Wohnhaus schon als laut einzustufen. Aber in diesem riesigen Foyer klang es wie eine Mischung aus Gewitter, Donner und dem Start eines Flugzeuges. Ich verließ mein Elternhaus wie ein Einbrecher auf der Flucht.
Das Letzte, was ich sah, bevor die gewaltige Eichentür hinter mir ins Schloss fiel, war der ungläubige und treue Blick unserer Dogge. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich sowohl Vincent als auch meine Eltern nie wiedersehen würde.
Sonst wäre ich nicht weggefahren an jenem Sonntagmorgen im Juni. Aber hätte, wäre, wenn und aber sind eben nur theoretische Varianten im Quadrat. Im Konjunktiv. Die große Unbekannte.

Hinter dem Steuer meines alten Mercedes‘ fühlte ich mich frei, sobald sich unser Anwesen aus dem Rückspiegel verlor. Was für ein Moment, was für Emotionen. Losgesagt. Gesprengt, die Ketten der gesellschaftlichen Konventionen.
Aus dem Radio dröhnte Elvis, und ich stieg lautstark mit ein. I did it my way. Ich weinte. Vor Freude über die neugewonnene Freiheit. Vor Schmerz über den Abschied, der kein richtiger Abschied war. Vielleicht auch aus Angst.
Ich trieb hinaus in die Welt. Wie ein Blatt im Wind.

Irgendwann und irgendwie »landete« ich in Hamburg.
Diese Stadt wurde mein erstes Reiseziel. Unvorhersehbar. Ich verliebte mich sofort in sie. Eine schöne Stadt. Sie wurde gleichzeitig mein vorerst letztes Ziel, bevor man mich wegsperrte.
Zwei Jahre Hamburg. Leben. Lieben. Mit Leib und Seele. Wild und unbändig.
Es mangelte mir an nichts. Weder an Geld noch an Frauen oder Partys.
Das Motto eines Rockstars: Sex, Drugs and Rock’n‘ Roll, welches ich während meiner Zeit in dieser Stadt hingebungsvoll zelebrierte, forderte seinen Tribut.
Auf eine Zeit der Partys und des Überflusses in Freiheit, folgten Jahre der Entbehrung und des Eingesperrtseins.
Urteil: Sechs Jahre.
In der gesamten Zeit meiner Gefangenschaft verließ ich das Gefängnis nur ein einziges Mal. Um der Beerdigung meiner Eltern beizuwohnen. Sie starben bei einem Verkehrsunfall, den mein Vater verschuldet hatte. Ein Bier zu viel. Ein Blick zu wenig. Eine Sekunde, die alles veränderte.
Sie nahmen Vincent mit. In den Tod. Einen Teil von mir ebenso.
Das Vakuum hält sich lange. Bis heute. Verzeih mir, Mutter.
Im Nachhinein gibt es über die Zeit in Hamburg nicht viel zu sagen.
Es gab Gründe und Hintergründe. Lug und Betrug.
Es war wild und schön, und irgendwann zu viel.
Aber niemand wird unschuldig oder durch einen Justizirrtum weggesperrt. Das kommt allenfalls so oft vor wie Regen in der Sahara.
Im Gefängnis hörte ich oft den Satz: »Ein bisschen Knast hat noch niemandem geschadet.«
Welch ein Hohn.
Sechs Jahre. Zu viel. Für mich. Hart war ich nie. Labil schon. Empfindsam. Sensibel.
Nur ein kleiner Junge, der Entdecker werden wollte.
Was ich im Gefängnis entdeckte, brach mich.

Vater, vergib mir. Ich hätte dich gern stolz gemacht.
Du liebenswerter Schweinehund.

Und so stand ich nach sechs Jahren Gefangenschaft vor dem Nichts.
Meine Habseligkeiten, die mir die Vollzugsbeamten bei meiner Entlassung wiedergaben, bestanden aus meiner Armbanduhr, etwas Geld, einem Passbild von mir und einem Bernstein, mein Glücksbringer. Wohl kaputt.
Ich war vorbestraft, mittellos, perspektivlos. Müde und gebrochen. Enterbt ebenso. Das Geld aus dem Pflichtanteil ging für die Anwälte drauf.
Alles was mir blieb, waren mein Auto, das die Jahre der Einlagerung gut überstanden hatte und unser Ferienhaus an der dänischen Westküste. Nordjütland. Ganz oben im Norden.
Dort zog es mich hin.
Zu den schönen Erinnerungen aus Kindertagen. Unbeschwerte Zeiten am Strand. Mit Vater und Mutter. Eine Rarität.
Ich glaube, ich wollte dort oben einfach für mich sein. Und sterben.
Wie, war mir noch nicht klar, aber ich hatte genügend Alkohol und Schlaftabletten im Gepäck.
Und den Mut würde ich auch noch finden. Sicher.

Die Flasche nahm Kurs aufs offene Meer, während ich ihr hinterher sah. Der Rest meines Lebens. Abgefüllt in eine Flasche. Leb wohl.
Irgendwann, in der Zeit danach, erreichte mich ein Telefonat.
Ich war betrunken. Abwesend. Lag irgendwo in dem Ferienhaus. Das Klingeln wirkte surreal. Laut. Zu laut. Aber unwirklich. Ich konnte das Schreien des Telefons nicht zuordnen. Ich konnte nichts zuordnen. Welcher Tag?
Irgendwann verstummte es. Und ich fiel wieder in Ohnmacht. Zwei Flaschen Wein. Fünfzehn Bier. Oder zwanzig. Vielleicht auch nur zwölf.
Als es erneut klingelte, wurde ich wach. Wach in Form von: Irgendetwas klingelt.
Nach gefühlten zwanzig Minuten bimmelte es immer noch. Halb bewusstlos begann ich zu orten und zu suchen. Ich entdeckte das Telefon. Es stand draußen im Eingangsflur. Da lag auch meine Jeans. So wie der gesamte Rest meiner Kleidung. Ich kroch nackt in den Flur und griff nach dem Hörer. Was für ein jämmerlicher Anblick.
Eine Frauenstimme. Sanft. Fremdartig. Englisch. Aber so ganz anders.
Ob mein Name Oliver wäre, und ob ich derjenige wäre, der die Flaschenpost ins Meer geworfen hätte?
Was für eine Flaschenpost, wollte ich wissen, und woher sie diese Nummer hätte?
Sie sagte, ich wäre der neunte Versuch. Wieder erfolglos. Sie müsste unbedingt herausfinden, wer dieser Mann auf dem Foto aus der Flasche wäre. Es wäre wichtig. Wegen ihrer Großmutter. Die Zeit würde ihr davoneilen.
Ich musste an meinen Bernstein denken und an die vergangenen Tage. Tage in Nebel gehüllt. Dröhnende Kopfschmerzen. Übelkeit. Durst. Aber ich ließ nicht zu, dass sie auflegte, ihre Stimme klang seltsam. Schön. Ich war noch ziemlich betrunken.
Ja, ich wäre das gewesen, ließ ich sie wissen, und dass ich nicht wüsste, warum ich das getan hätte. Ja, der auf dem Bild sei ich, und auch die Zeilen seien von mir. Es ginge mir nicht gut, entschuldigte ich mich und fragte sie, wer sie sei?
Ihr Name sei Frau Helena Hansen, und ob es mir möglich wäre, zu ihr nach Schweden zu kommen? Es wäre für sie von größter Wichtigkeit. Es gab noch wichtige Dinge auf diesem Planeten?
Ob ich sie zurückrufen könnte? So in einer Stunde?
Nachdem wir das Gespräch beendet hatten, ging ich zum Kühlschrank. Torkelnd. Immer noch jämmerlich. Immer noch nackt.
Der Durst raubte mir die Sinne. Nein, keinen Alkohol. Mineralwasser.
Ich wurde in Schweden gebraucht. Was für ein Gefühl!
Nachdenken. Nicht so einfach. Nachsehen, ob das Telefonat wirklich stattgefunden hatte. Das Display des Telefons beantwortete meine Frage. Ja. Unser Familienname war wohl noch im Telefonnetz verzeichnet.
Ihre Stimme war noch da. In meinem Kopf.
Unter der Dusche. Nachdenken. Was wollte sie genau? Keine Ahnung.
Zurückrufen. In einer Stunde. Das war vor einer halben Stunde.
Anziehen. Ich muss mehr trinken. Der Vorrat an Mineralwasser im Haus war, verglichen mit dem des Alkohols, verschwindend gering. Ich trank, sah auf die Uhr und wählte die Nummer in Schweden.
Da war sie wieder. Diese Stimme. Der Akzent. Wir vereinbarten ein Treffen.
Ob ich etwas zu schreiben hätte, damit ich mir den Weg und die Adresse notieren könnte?
Ja, hätte ich. Und ja, ich würde mich auch freuen. Bis Morgen.

Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg nach Schweden. Die Route über Land dauerte etwa sechs Stunden. Mit der Fähre wäre ich schneller, aber ich mochte niemandem begegnen und eine Konversation führen schon gar nicht. Das ließe sich auf einer Autofähre kaum vermeiden.
Ich nahm also die lange Fahrt über Land in Kauf und fuhr quer durch Dänemark in Richtung Hauptstadt. Kopenhagen. Weiter über die Öresundbrücke nach Malmö, und von dort war es noch etwa eine Dreiviertelstunde Autofahrt nach Ystad.
Unterwegs dachte ich über das gestrige Telefonat nach. Frau Hansen. Helena. Ihre Stimme hatte mich verzaubert. Gab es so etwas? Ich war nüchtern, dennoch drehte sich alles in meinem Kopf.
Nichts reimte sich. Nichts passte sich. Fragmente aus Vergangenem, Zukünftigem und Möglichem.
Ihre Großmutter litt. Sehr. An Alzheimer. Am Verlust ihres geliebten Mannes.
Und sie, Helena, die Enkelin, litt ebenso. Seit Jahren wohl schon.
Vier bis fünf Wochen Lebenserwartung, hätte der Arzt gemeint. Die Zeit liefe ihnen davon, sagte die junge Frau mit der reizenden Stimme.
Es gab scheinbar Ähnlichkeit zwischen dem Verschollenen und mir. Sie wollte mich in Ystad treffen. Später dann sollte es ein gemeinsames Treffen mit ihrer Großmutter geben. Nur ein Versuch.
Wann genau, wüsste sie nicht. Ob ich ihr helfen würde, hatte sie gefragt. Wer half wem?
Bei diesen Gedanken machte sich Nervosität in mir breit.
»Nein«, sagte ich laut zu mir, »keinen Alkohol«.
Um mich abzulenken, versuchte ich in Gedanken den Weg meiner Flaschenpost zu rekonstruieren. Auf einer imaginären Seekarte zeichnete ich den Weg. Sie trieb hinaus aufs Meer. Richtung Westen. Die Strömung musste sie hoch nach Norden getrieben haben. Skagerrak. Nordsee, Ostsee, quer durch das Labyrinth der dänischen Inselwelt – bis runter nach Südschweden. Gestrandet vor Ystad. Meinem vorläufigen Reiseziel.
Ein Zimmer würde sie dort für mich reservieren. In einer Pension, wenn es mir Recht wäre.
»Ja, gerne«, hatte ich geantwortet.
Ich schaute in den Rückspiegel, erkannte mich kaum wieder. Ich war blass und hatte Gewicht verloren.
Ein bisschen Knast hat noch niemandem geschadet.
Mir wurde übel bei dem Gedanken an diese Aussage. Ich hoffte, dass diese Worte eines Tages aus meinen Erinnerungen verschwinden würden.
Gegen achtzehn Uhr erreichte ich den Parkplatz in Ystad. Unser ausgemachter Treffpunkt. Meine Nervosität war mir bis hierher gefolgt. Ich stieg aus, streckte mich, sah mich um. Ich hatte ein Bild von Helena vor Augen. Unbewusst. Das Gehirn baute es nach eigenen Vorstellungen. Passend zu der Stimme. Englisch mit schwedischem Akzent.
Und dann sah ich sie. Kein Zweifel. Das Bild im Kopf passte zur Realität. Unglaublich. Sie kam auf mich zu, und unsere Blicke trafen sich.
Ich hatte davon gehört. Genau wusste ich es aber nicht. In diesem Moment begriff ich es. Helena auch. Es gibt sie. Liebe auf den ersten Blick.
Als sich unsere Hände berührten, war es, als würde ein Funkenregen aus Sternen vom Himmel hinabfallen. Wir sahen uns an, unfähig zu sprechen. Sekunden wie Stunden. Zeitraffer. Sie und ich im Epizentrum aus nie dagewesenen Gefühlen, die für einen Moment die Erde zwangen, stillzustehen.
Viel zu lange hielten sich unsere Hände, viel zu lange sahen wir uns in die Augen. Viel zu lange schwiegen wir.
Dann brachen wir das Schweigen gleichzeitig und mussten darüber lachen.
Ja, das war sie! Die Frau zu der Stimme. Helena Hansen.
Und ja, ich sei der Mann auf dem Foto. Oliver.
Sie wollte mir gerne den Platz zeigen, an dem sie die Flaschenpost gefunden hatte. Es wäre nicht allzu weit weg. Aus diesem Grunde hätte sie diesen Treffpunkt vereinbart.
Wir gingen runter zum Strand, und sie erzählte mir nochmal in Ruhe von ihrer Großmutter, dem Passfoto und der Krankheit, die Erinnerungen frisst und nie mehr hergibt. Vom Leid. Und von der Hoffnung, die sie sich von unserem Treffen versprach.
Das Meer rauschte. Ein Segen. So hörte man mein Herz nicht schlagen.
Als wir zu derjenigen Stelle gelangten, blieb sie stehen und deutete mit dem Finger zum steinigen Abschnitt, der hier flach ans Ufer lief.
Dort hätte sie meine Flasche gefunden. Sie schaute zu der Ecke zwischen den Steinen, ich schaute zu ihr. Sie spürte es, drehte sich mir zu. Wir wussten es. Beide. Lächelten uns an.
Ein umgestürzter alter Baum diente uns als Sitzfläche, während sie redete.
Spürst du den eigenartigen Zauber, der uns umgibt?
Wir sagten es nicht. Zu früh. Viel zu früh.
Sie wolle alles wissen, sagte sie. Über mich.
Ich ließ nichts aus, verschwieg nichts. War offen und ehrlich. Ihre Augen zwangen mich dazu. Wunderschöne grüne Augen. Ein schönes Gefühl.
Sie lauschte meinen Worten. Als ich fast alles von mir preisgegeben hatte, ließ die Wärme des Tages nach, und der Himmel bereitete sich langsam auf die Nacht vor.
Ob sie sich an meine Schulter lehnen wolle, fragte ich sie
»Sie meinen ›Anschmiegen‹?«
Anschmiegen, ja, das meinte ich.
»Sehr gern«, antwortete sie.
Ihr Akzent. Magie.
Sie rutschte ein Stück zu mir heran und legte ihren Kopf an meine Schulter, während Blau zu Schwarz wurde und der Abendhimmel die Sterne zum Leuchten brachte.
Der Himmel kann warten.
Irgendwann mussten wir gehen.
Die Pension würde sonst schließen, und ich müsste dann im Auto schlafen, sagte sie zu mir und lächelte mich dabei auf wundervolle Weise an.
Ich hätte mehr als nur einmal im Auto geschlafen, ließ ich sie wissen, und dass ich das nie mehr wolle.

Am darauffolgenden Tag traf ich vor dem Haus, in dem die junge Schwedin zusammen mit ihrer Großmutter lebte, ein.
Es war ein schönes schneeweißes Haus. Klein zwar, aber wunderschön gelegen. Fünfzig Meter bis zum Meer, mit einem aus Holzbohlen befestigten Weg hinunter zum Strand. Grüne Fensterläden aus Holz rahmten die Fenster und ließen das Haus schon von außen gemütlich erscheinen.
Helenas Plan beinhaltete, dass die Eingangstür für mich offen wäre und ich um drei Uhr unangemeldet das Haus betreten solle. Sie würde dann an der Seite ihrer Oma auf mich warten.
Ich war noch nervöser als tags zuvor und wusste nicht, wie ich das überstehen sollte.
Auch war ich mir nicht sicher, ob ich das alles wollte, als ich so vor dem Haus stand. Zu viele Gedanken und offene Fragen hämmerten in meinem Kopf.
Ich ließ sie unbeantwortet kreisen und schaute auf die Uhr.
Doch, sagte eine innere Stimme, das willst du. Das hier musst du. Das hier soll so. Es gibt keinen Zufall.
Ich hörte auf die Stimme, holte tief Luft und betrat das Haus. Helena entdeckte mich. Sie nickte mir zu, sagte aber nichts. Ihre Großmutter sah mich noch nicht. Sie saß in einem großen Sessel, schien abwesend.
Ich ging auf die alte Dame zu und kniete mich direkt vor sie, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
Mein Magen drehte sich vor Aufregung. Ein fremdes Haus, eine fremde alte Dame. Fremde Eindrücke. Alles war fremd. Die ganze Situation.
Helena stand dicht am Sessel neben ihrer Oma. Ein kurzer Blick hinauf zu ihr. Ein Lächeln, so wunderschön. Erneutes Nicken. Stille.
Ich schaute wieder zu der Großmutter. Und dann eine Regung. Nun bemerkte mich die alte Dame. Endlose Sekunden voller Anspannung.
Dann durchbrach ihre Stimme die erdrückende Stille.
»Hendrik?«, fragte sie außer sich. Wiederholte sofort den Namen des Mannes, dem ich so sehr ähnelte.
»Hendrik? Hendrik! Oh Gott!«
Ihr Körper zitterte voller Verwunderung, Verzweiflung, unsagbarer Freude.
Sie begann zu weinen. Tränen, die ich so noch niemals gesehen hatte. Auch bei mir sah man Tränen. Ebenso in Helenas schönen Augen. Emotionen, die es so niemals zuvor gab.
Ich wusste kaum, wie ich dem Ganzen begegnen sollte. Das gestrige Gespräch mit der Schwedin über die Vorgehensweise bei diesem einen Versuch hatte hier geendet.
Ich antwortete der alten Dame. Ein Impuls. Ich ließ sie wissen, dass ich es sei. Ihr Mann. Zurückgekehrt, nach mehr als sechzig Jahren.
Bittersüß mischte sich Betrug mit Barmherzigkeit.
Sie hatte keine Fragen, was mein Alter betraf. Sie weinte nur vor Glückseligkeit. Gefangen in ihren Erinnerungen, die ihr geblieben waren.
Ich nahm ihre Hände in die meinen und hielt sie. Stundenlang.
Es gibt keinen Zufall. Aber es gibt eine Bestimmung. Eine höhere Macht. Wir wissen gar nichts.

Ich blieb. Der alten Dame zu Liebe. Helena zu Liebe. Aus Liebe. Zu ihr.
Als dann die alte Dame drei Tage später ging, war ich bei ihr, lag neben ihr im Sterbebett und hielt sie in meinen Armen. Als ihr Mann. Hendrik. Der die Zeit und auch ihr Vergessen überdauert hatte.
So sollte es sein. Und so wollte es – irgendwer.
Bis zum Schluss.