Nur ein Spaziergang

Der Morgen ist kalt und rau, Nebel legt sich als seidener Schleier über das Land. Die frische Luft fühlt sich gut an und ich nehme den winterlichen Duft des Waldes gierig auf, indem ich ihn tief durch die Nase inhaliere. Herrlich. Ich wandere, lausche, nehme Geräusche aus dem Unterholz wahr, habe das Gefühl von den Tieren des Waldes beobachtet zu werden. Sie sehen mich. Ich sie nicht. Rehe vielleicht. Wölfe? Eine seltsam angenehme Spannung liegt in der Tiefe des Waldes.
Benebelt durch solle Eindrücke und der tiefen Ruhe, die der Wald ausstrahlt, entschließe ich mich zu einem länger andauernden Spaziergang. Mir fehlt an nichts und je länger ich durch die Wälder schreite, desto intensiver werde ich von Mutter Natur gepackt. Es ist ein fester Griff, mit der sie mich hält und ich bleibe stehen und schließe meine Augen, um diesen natürlichen „Rausch“ noch intensiver genießen zu können. Ich gerate fast ins Taumeln, angesichts einer solchen Wirkung. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass die Natur so etwas zu vollbringen vermag. Man muss nur ihrer Bitte nachkommen, sich fallen zu lassen, sich ihr hinzugeben und sich ihrer Wirkung bewusstwerden, dann ist es mit nichts zu vergleichen. Alles Synthetische und Künstliche gerät in Verachtung und Abwertung, ist man in mit ihr in Einklang. So wie ich an diesem Morgen im Dezember.
Mutter Natur und dieser Wald nötigen mir mit angenehmen Nachdruck Erkenntnis ab und plötzlich begreife ich. Es offenbart sich mir, was dieser Wald mich wissen lassen möchte. Eine andere, unbekannte Dimension breitet sich vor mir aus, nimmt Besitz von mir. Ich tauche ein in die Evolution, werde eins mit der Natur. Himmel und Erde. Göttliche Macht. Eiskristalle werden zu Sternenstaub …
Ein leichter Wind zieht durch die Tannen, kühlt meine Stirn. Ich bin ganz alleine hier draußen und doch ist es, als wäre ich ein Teil vom Ganzen, eingenommen von unendlicher Gesamtheit.
Jetzt verstehe ich die Indianer, die Naturvölker, begreife die Zusammenhänge des Universums.
Ich bin in Gedanken vertieft, als sich mit einem Mal eine gewaltige Buche vor mir aufbaut, wie aus dem Nichts. Plötzlich und unerwartet, wie ein Wegelagerer.
Ihre mächtige Erscheinung imponiert und lädt mich zum Näherkommen ein. Seit Jahrzehnten wacht sie dieses Weges und ich nähere mich ihr mit Demut und Respekt. Eine Königin, die ihre Krone würdevoll und stolz in den nebligen Himmel streckt.
Ich halte inne, fühle ihre Energie. Alles ist im Fluss. Die unzähligen Menschen, die ihres Weges kreuzten, in all den Jahrzehnten. Oder gar mehr. Tausende von menschlichen Stimmen, konserviert in dieser Buche. Sie erzählt mir die Geschichten vergangener Generationen. Ich lausche gespannt, lege mein Ohr an ihre Seite. Es sind Lebensgeschichten, Liebesgeschichten, Tragödien und Dramen. Konversationen, Geräusche, ein Kutschwagen, Pferde, marschierende Soldaten, Gespräche, durcheinander, hintereinander. Das Flüstern eines Liebespaares. Freudiges Lachen. Tränen der Trauer und Entbehrungen. Ich lausche gespannt, höre ihr zu, während meine Arme sie halten, wie man eine Frau hält und meine Hände ihre Energie aufnehmen.
„Nur ein Baum.“ Solche Äußerungen pulverisieren sich, wenn man so etwas erlebt, es zulässt. Wie an diesem Morgen im Wald.
Ich verharre noch eine Weile und dann lasse ich sie hinter mir, diesen monumentalen Inbegriff von Mutter Natur und ihre alles umfassenden Energien.
Leise flüster' ich ihr ein „Auf Wiedersehen“ und gehe meiner Wege.

Ich bin glücklich. Danke.

 

Oliver Peetz