„Niemand hier, außer mir“

Mitten in der Nacht werde ich wach. Das Rauschen des Meeres ist zu hören und ich entschließe mich, ungeachtet der Uhrzeit, an den Strand zu gehen. Es ruft nach dir, höre ich eine Stimme in meinem Kopf flüstern. Das Meer ruft nach dir. Ich folge dem Ruf. Ein Impuls, den ich nicht kontrollieren kann.
Der Ruf wird intensiver, die Nacht ist klar. Dänemarks raue Westküste. Kein Ort der Welt ist schöner. Ich bin allein. Allein mit der Natur, dem Meer.
Die unwirkliche Atmosphäre der halbdüsteren Umgebung ergreift mich und ich fühle mich berauscht. Angenehm berauscht. Der Vollmond scheint so hell, dass es eher wie eine Sonnenfinsternis wirkt. Riesig leuchtend hängt der Erdtrabant am sternenklaren Nachthimmel. Millionen von Sternen. Gleichviele Sandkörner unter meinen Füßen. Ich bin barfuß und obwohl es Nacht ist, ist der weiche Sand noch warm vom Tage. Ein herrlicher, warmer Sommertag.
Das reflektierende Licht des Mondes spiegelt sich auf der See und verschmilzt am Horizont mit dem Nachthimmel.
»Niemand hier, außer mir.«
Ich sehe mich um, drehe mich im Kreis und mein Blick geht vom Meer über den Strand hinüber zu den Dünen, die haushoch und dunkel in den Nachthimmel ragen. Gespenstisch. Das Dünengras weht leise im Wind und flüstert Sätze in tausend Sprachen.
Ich lausche. Niemand hier, außer mir.
Und mit einem Male bleibt das Gedankenkarussell, welches sich in meinem Kopf dreht, stehen. Ein Gedanke drängt sich provokant in den Vordergrund, zwingt mich ihn zu fassen, nötigt mich zu nächtlichem Nachdenken. Ich lasse es zu, beuge mich seiner Intensität, während mein Blick zurück aufs Meer schweift.
Der Wind verstummt ganz plötzlich. Es wird totenstill. Nicht ein Geräusch! Der Gedanke in meinem Kopf mündet in einer für mich nie da gewesenen Erkenntnis. Die Erkenntnis der Unbedeutsamkeit. Hier auf Mutter Erde. Ein Sandkorn in diesem unendlichen Universum. Ein Wimpernschlag in der Geschichte.
Niemand ist unbedeutend. Aber angesichts der unvorstellbaren Dimensionen von Raum und Zeit, die sich jetzt hier zwischen Himmel und Erde auftun, bleibt kein Platz für Einsprüche. Dieser wunderschöne Planet existiert seit fünf Milliarden Jahren! Und es wird diese Erde weitere fünf Milliarden Jahre nach uns geben, dessen bin ich sicher. Das ist die Unendlichkeit! Dieser Gedanke entzieht sich komplett meiner Vorstellungskraft. Milliarden von Jahren.
Wer würde uns Menschen schon vermissen, wenn wir nicht mehr sind? Dieser Planet jedenfalls nicht. Wahrscheinlich würde nicht einmal unser Schöpfer selbst uns vermissen. Und obwohl wir das Rad erfunden haben, den Silicium Chip, Quantensprünge erkennen und künstliche Intelligenz hervorgebracht haben, sind wir doch winzig klein und unbedeutend, denn wir sind nicht der Maßstab. Wir nicht. Wir sind nur ein Sandkorn, eine Sekunde in den Weiten des Universums, welches sich göttlich vor mir auftut, hier am Strand von Dänemark. Und ob nun ein Sandkorn mehr oder weniger am Strand liegt- was macht es für einen Unterschied? Wir sind ein einziger Stern am Himmel und niemand vermisst uns, wenn dieser eine Stern der Menschheit nachts nicht mehr scheint, denn wir hinterlassen kein Vermächtnis, dessen es sich lohnt vermisst zu werden. Wir erschaffen nichts, wir zerstören nur und wenn alles zerstört ist, dann verschwinden wir. Dann erlischt dieser eine Stern am Himmel, das Leuchten der Menschheit.
Aber es bleibt die Hoffnung. Die Hoffnung, dass jener glitzernde Punkt an diesem unendlich schönen Nachthimmel weiter leuchtet. Wir wissen es nicht.
Mit diesen tiefgreifenden Gedanken bewege ich meine Füße, spüre jedes Sandkorn. Nachts. Am Strand von Dänemark.
Niemand hier, außer mir.