„Meeressymphonie“

… und das Meer scheint unermüdlich und unbeirrbar, und es formt immer neue Kronen aus Gischt zu wilden Gesichtern, und es krönt sich wieder und wieder selbst, und aufs Neue. Es dirigiert und komponiert Geräusche und Formen und Farben zu einer Symphonie, die Chopin tief beeindrucken würde. Es schüttelt sich und rollt wie Beethoven, schäumt fast schon über vor unbändiger Wut; und immer wiederkehrende Wellen machen mit sich, was sie wollen, und es wiegt sich hin und her, das Meer, und immer mehr und in sich selbst, und es ist, als würde eine sorgende, weinende Mutter ihr Kind wiegen, grad so, als hätte sie Angst vor dem trunkenen Ehemann, der wütend und stampfend die Treppe hinaufkommt, Schritt für Schritt, und man hört das Klatschen der überkippenden Wellen, welche am Strand brechen, wie das klatschende Geräusch von Körpern, die sich wild liebend ihren animalischen Instinkten hingeben und von nichts und niemandem mehr Notiz nehmen, weil sie sich vergessen; im Liebesrausch. So wie das Meer. Wild und ungestüm, hemmungslos, rücksichtslos tosend in jedem Akt. Das Meer ist eins mit sich und dem Himmel und dem Wind, und die Möwen schreien in diesem steten Wind, wie das Kind, das nun alleine liegt, ohne Mutterwärme und kein Wiegen, weil sie sich dem lüsternen, trunkenen Ehemann hingeben muss, um seinem Zorn zu entgehen.
Und das Schreien der Möwen schmerzt, und der kleine große Prinz hat gewusst, was es bedeutet und wie es sich anfühlt, wenn Möwen schreien.
Die Gedanken gehen weit, viel weiter hinaus; über das Meer, hoch in den Himmel, zum Schöpfer all jenem, diesem, und er ist allgegenwärtig, jetzt und hier.
Und der Blick geht durch die Schreie der Möwen hindurch zum Horizont, und dort küssen die Sinne die Sonne, die sich tanzend und rot vor Erschöpfung langsam davonstiehlt wie ein Dieb, ein räudiger roter Kater, der ein Stück Wurst vom Küchentisch stibitzt hat.
Und der Wind spielt ein Lied, leidvoll und schwermütig, und ebenso berauscht wie Jimi Hendrix; und genauso schreit er, der Wind. Er schreit nach Mary, nach verlorener Liebe und Zuwendung; laut, unbeherrscht und leidvoll. So wie die Möwe schreit; und auch so wie das zurückgelassene, unschuldige Kind.
Und der Wind singt so gewaltig und einzigartig wie Elvis, als er glorreich sein „Halleluja“ auf den Schöpfer all jenem zum Besten gab, und den ich nun neben mir spüre, und der mir mit sanfter Stimme sagt, dass er dort, wo er sich befindet, glücklich ist, und nicht mehr einsam, wie er es noch zu Lebzeiten war. Und er lässt mich wissen, dass auch ich nicht traurig sein solle über diese Einsamkeit, die ich in meiner Seele verspüre und hier am Rande des Meeres, und welche sich über dem Ozean ausbreitet und alles einnimmt, von Küste zu Küste, von Land zu Land, von Jahr zu Jahr. Denn der Schlüssel zu allem ─ ob Meer oder Mensch oder Möwe, ob Himmel oder Erde ─ ist die Liebe, die stärker ist als jede Traurigkeit und jede Einsamkeit, und die uns geschenkt wurde, durch ihn.
Und wir sehen gemeinsam auf das Wogen der Wellen, auf das Meer, der „King“ und ich, und wir atmen die salzgetränkte Luft, die sich mit unseren Tränen vermischt, und beobachten, wie das flaschengrüne, azurblaue, weißgraue Meer sich vor sich selbst erschrickt, wieder und wieder, mit jeder Welle, und ich blicke in das unstete, wilde Gesicht des riesigen Meeres, versuche es zu beruhigen, aber es lässt sich nicht von mir beruhigen. Es bleibt, wie es ist, außer sich. Es lässt nur zu, dass die Sonne sich ein letztes Mal selbstverliebt in ihm spiegelt, ein letztes Lied singt, ihr rotes, wildes Haar ein letztes Mal wie Janis Joplin über den Horizont wirbelt, bevor das Konzert aus Naturgewalten zu Ende geht, und sie der aufkommenden Dunkelheit nunmehr keine Stirn bietet, sondern würdevoll die Bühne verlässt, so wie auch Elvis und auch Jimi und Janis und all die anderen die Bühne verlassen haben; und mit ihnen verstummt auch das Schreien der Möwen ...