In stiller Nacht

In stiller Nacht

In Sturm und wilden Fackeln, die an beider Seiten Wege die Nacht erhellten und gleich wie Elfen tanzend mit den Schatten auf den Wiesen und Feldern wetteiferten und mehr irreführten, denn Begleitung hießen, verließest du dein eigenes Dach und deinen, unseren Hof; denn da nun war die Zeit gereift für dich, inmitten dieses Zusammenspieles aus Wind und Feuer und Wandel, dem zerklüfteten, stetig währenden Drang nach Fernweh gerecht werden zu wollen und zu müssen, der wie jene Fackeln am Wege in deiner unwirschen Seele loderte, und bewusster Sinne fortzugehen. Ohne ein Wort; verstummt wie die Sperlinge im Winterhaus, nahm dich der Wind in seine feste Umarmung, wies dich zur Stille an, gab dir die Flügel und den Weg und die Tat dich nächtens zu erheben, loszusagen von dem Zusammen und Frieden der Familie und dich aufzumachen in frischem Mut und jüngstem Trieb, wie Veilchenduft und Morgentau, und so trug es dich fort.
Dein Wort hast du gebrochen und mit ihm denn auch mein Herz. Es war ohnehin geschwächt, nur durch dein starkes, bebendes Wort und dein Handeln in deiner ganzen Wut und Wildnis. Die Vorzeichen waren nicht sichtbar und ohne jegliche Vorahnung für mich, da ich in meiner Welt, die eingezäunt ist und in der ich jung und klein und unbefangen bin, lebe, ohne einen Blick auf den kommenden Sommer und die Folge, sondern in naiver Freude auf nur den folgenden Tag und vielleicht noch die Nacht, die nunmehr die schicksalhafteste aller Nächte ist. In dieser, für mich, stillen Nacht schlief ich, eingepfercht zwischen Träumen und Fantasie, in Ruhe, obgleich eine stürmische Musik des Herbstwindes das Haus umging; fernab und entrückt deiner sich entfernenden Schritte, die leise waren, ohne Gedanken an den Ausmarsch deines Herzens, deines festen Entschlusses zu gehen, auf immer.
Den Rücken, der mir groß und stark war und dennoch Schatten eines Baumes eines Vaters, dem ich in Eifer und Willen gleich sein wollte, wie alle Söhne wohl, obschon ich es nie konnte, drehtest du deinem Heim, welches du mit deinen Händen und deiner Kraft bautest, zu. Dem Vater gerecht zu sein, auf dass er mich in seine Arme nehme und mir Schutz und Zuwendung und Vernunft mit seiner ganzen Kraft zuteilwerden lässt und mich aus dem Schoße der Mutter hebt, die er auch so zurückließ, war immer mein eigener Antrieb; und in den Räumen der Erinnerung, die nunmehr Teil sind in mir, wie die schon erlebten Jahre am Ufer meiner Kindheit, sehe ich dich und meinen Willen, dir gleich zu sein. Aus Liebe. Diese Erinnerungen werden wohl von Dauer bleiben, als Einziges von dir, Vater.
Nun muss ich die Bürde und deinen Verlust erleben und erleide durch die Tränen der Frau Mutter, immerwährend am Zaune vor dem Hause wartend, unsäglichen Schmerz, der wie das Geschrei der Sägen, die unten am Wehr von den Männern in derber Art durch das zu frische Zedernholz gezogen werden, in mein Ohr dringt und brüllt im Kopfe. Ich weiß beileibe nicht, ob meine Herzenskraft und alles nun schon noch reichen mag für Mutter und für mich und den Weg aus der Stille der Nacht, hinein in die unverhofften Dinge der kommenden Lebenswelt, und vor allem für den Verlust durch dich, das Vakuum durch deinen Weggang. Deinen Gang hinaus über die Hügel und hinweg aus unserer einstigen Einigkeit.
Es schämt mich und lässt mich nicht los, zu fühlen, dass ich mit dir gegangen wäre, auch so wie du, ohne ein Wort zur Mutter und das Versprechen gebrochen hätte, ebenso wie du. Und sie danach, weinenden Herzens, hier zurückgelassen hätte, welches den Tod ihrer Seele zur Folge hätte, denn nun schon ist sie gebrochen, ihre Seele trägt Schwarz; und Trauer ist jeden neuen Tag an ihrer Seite zu erkennen, und sie findet keinen Blick mehr zu mir. Es scheint endgültig und tut weh, ihr ebenso wie mir. Und ihr Altern ist kaum zu beschreiben in der kurzen Zeit. Es gleicht der Fabrik unten am Hafen, die jäh zerfällt und nicht dem Sturme hält, und ihr Altern ist wie der Zug der Gänse und der Wolken im Herbstwind, und die Zeit selbst kann nicht Schritt halten mit ihrem Ergrauen.
Suchend, tagein tagaus, steht sie am Tor und wartet und wartet, und kein Wetter macht ihr zu schaffen. Nur du. Aber die Hoffnung ist längst erloschen wie die Fackeln in jenem Wind aus jener Nacht, der alles an Gleichsamkeit kippen ließ und einstürzen in sich. Nun tanzen weder die Schatten elfengleich noch Mutter, durch den schweren Kummer, und auch nicht du und nicht ihr im Küchenraum, im Hause, welches unser Glück bedeutete, und Liebe und Harmonie immerzu.