Ein Kuss für die Ewigkeit

Durch anhaltendes Fernweh und dem Drang nach Veränderung fand ich mich während einer Reise in Kirkwall wieder, einer kleinen, beschaulichen schottischen Stadt, die mir viel zu bieten hatte, obgleich sie für die meisten Personen, und wohl am allermeisten für die Einwohner, trist schien und war.

Mir aber bot sie Einblick in eine andere Welt, eine britische, raue Inselwelt, die ich von früheren Reisen kannte und schätzen gelernt hatte, denn ich mochte die zerklüftete, grünbedeckte und naturlastige Art Britanniens, und auch so die Lebensart, mit der diese Menschen hier mit ihrem Tag und dem Leben einhergingen; denn es waren arme Gegenden, die mir gefielen, die nichts von dem England hatten, was London war, laut und groß, und für mein Verständnis zu viel von allem. Hier aber, in den Straßen und Gassen dieser verwinkelten Häuserzeilen und Häuserreihen, die scheint’s willkürlich aus Sand und Stein in die Landschaft des schottischen Lowlands (nicht Highlands) gemalt wurden, wirkte alles so, als hätte man es nur angesehen und nie bewohnt oder berührt. Alle Wege und Häuser waren vom gleichen steinigen Grau, aber dennoch in faszinierendem Bunt, durch die blauen und grünen Fensterrahmen, die vorsätzlich und akribisch mit diesen eben auffälligen Farbtönen bestrichen wurden, um dem tristen Einklang die Stirn zu bieten.

Es war ein ungleicher Kampf, ein David gegen Goliath, aber alles hatte seinen Reiz und war von den Menschen genau so gewollt, um dem verschmutzten und verrußten Alltag den Kampf anzusagen, was ihnen in einer ungewöhnlichen Weise gelang und meine ganze Sympathie erfuhr. Ebenso waren die winzigen Vorgärten in Pflege, Blumentöpfe aus Terrakotta, in denen kleine Veilchen erblühten, und alles auf engstem Raum, so dass den Besitzern kaum Platz zum Verweilen blieb, und scheinbar nur aus einem Grunde liebevoll inszeniert, um den Menschen, die dort der Wege entlangkamen, Freude zu bereiten.

Es erfüllte mich mit einer tiefen Ruhe und Zufriedenheit, Gleichmut in den Gesichtern der Bewohner zu ersehen, die sich an all diesen kleinen Dingen erfreuten. Sie haderten nicht mit ihrem Schicksal ihres einfachen Daseins. Sie nahmen es hin, wie es war und ist, und sie waren reicher als viele Wohlhabende im entfernten London oder auf dem europäischen Festland oder sonst wo.

Meine Wege führten mich an vielerlei Geschäften vorbei, und ich übte mich in dem Müßiggang der anderen, und es war ein Leichtes, sich davon anstecken zu lassen, denn hier war die Hast ein Fremdwort, und jeder grüßte und hatte ein Lächeln für den anderen übrig. So schlenderte ich ziellos vorbei an kleinen Boutiquen und Kaufmannsläden, an einem Bäcker, und einem Schuhverkäufer, der draußen auf der Straße einen Jungen angestellt hatte, einzig, den Menschen des Verweilens zu bitten und zu fragen, ob er ihnen für ein paar Cent seinen Dienst als Schuhputzer anbieten dürfe. Auf einem erhöhten Sessel, der den Blick über die gesamte Straße freigab, ließen es ein paar Herren auch zu. Es kam einer schottischen Postkartenidylle gleich, und ich blieb immer wieder an den kleinen Freuden hängen, die mir hier begegneten. So auch der englische Tweed und der Jersey, die überall in den Schaufenstern in allen Formen und Farben als Schals und Westen sowie Jacken und Mäntel für Damen und Herren angeboten wurden. Ich mochte die britische Mode, sie unterschied sich so im Ganzen von der in Deutschland, und immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich das eine oder andere Geschäft betrat, welches kaum groß genug war, um drei oder vier Kunden gleichzeitig aufzunehmen, um vorsichtig und unauffällig mit der Hand über den Stoff zu fahren, dem Tweed, der so urtypisch daherkam wie der frittierte Fisch, den man hier zusammen mit Pommes Frites in einer aufgerollten, schon längst gelesenen Zeitung an den Ecken der Straßen servierte. All das lenkte meine Aufmerksamkeit in eine einzige Richtung, das wahre Leben hier, und so bemerkte ich nicht die Kirchenglocken, und die Hochzeit, die auf der gegenüberliegenden Seite stattfand. Meine Ohren waren bei den Fetzen aus Wörtern und Gesprächen, die mir unverständlich blieben, da der schottische Akzent so schwer zu verstehen ist, als würden sich volltrunkene Seeleute unterhalten, als ich jäh durch ein laut hupendes Auto aus meiner träumerischen Bummelei gerissen wurde.

Das Signal galt dem frisch vermählten Brautpaar als aufmerksamer Gruß und wurde von den beiden mit einem Winken entgegengenommen. Unwahrscheinlich, dass es sich hier um Bekanntschaft handelte, es war wohl eher der Impuls des Fahrers, auf die Weise einen kurzen Glückwunsch in Richtung der Hochzeitsgesellschaft zu schicken.

Ich fuhr herum und gegenüber auf der leichten Anhöhe, auf der die imposante Ortskirche in das frühe Blau des Himmels ragte, stand die Braut in strahlendem Weiß, während ihr Gatte vom Glück beflügelt, um die schwarz glänzende Limousine eines riesigen Rolls Royces tänzelte, um seiner Braut die Türe zu öffnen, obgleich ein adrett gekleideter Chauffeur zugegen war, der diese Aufgabe innehatte.

Und dann, wie aus dem Nichts, trafen sich unsere Blicke. Die der Braut und meine, und es war eine Sekunde eines Blitzes, welcher mich traf, denn ich stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite inmitten von anderen Menschen, und dennoch waren unsere Blicke, unsere Augen, miteinander verbunden, es war nicht nur zu sehen, ich spürte es, und sie lächelte und nutzte den Moment, diesen einen Bruchteil einer Sekunde, und warf mir einen Handkuss zu, und es war, als würde sie sich in dem Augenblick von mir verabschieden, um mit ihrem Angetrauten zu gehen, denn ich verspürte eine unbeschreibliche Tiefe in dieser Geste, es glich einem Abschied, und etwas von mir ging dabei fort, so wie die Braut, die der Aufforderung ihres Ehemannes folgte, der von diesem kurzen Betrug nichts mitbekam, um in dem modernen Kutschwagen zu entschwinden. Einige der anwesenden Passanten sahen mich an, und ich blieb einfach stehen und starrte auf die gegenüberliegende Seite, selbst als der Wagen unter dem Applaus und Jubel der anwesenden Hochzeitsgäste davonfuhr. Es war eine Sekunde, die die endlose Weite und Tiefe des Universums beschrieb, die der absoluten Ewigkeit; von der Entstehung, dem Urknall, bis zum Vergehen, und dieser kurze Moment bleibt für immer in meiner Erinnerung haften, denn wir, diese junge Braut und ich, waren auf unbekannte, befremdliche Art miteinander verbunden. Er galt mir, ihr Handkuss, ihr Abschied, den sie mir damit kundtat. Gott allein weiß, warum sich solche Dinge ereignen, aber ich war an diesem Tage dort, um den Kuss einer fremden Braut entgegenzunehmen, auf dass er in mir die gleiche Ewigkeit erfährt wie das Alter des Universums.

Oliver Peetz