Ein Gedankenbericht über New York City

Ich muss über diese Stadt schreiben, ob ich will oder nicht, denn sonst bekomme ich sie nicht mehr aus dem Kopf. Sie verfolgt mich, will mich. Man muss diese Stadt einmal erlebt haben, um sie, und mich, zu verstehen. 
Natürlich hat der Aufenthalt von 48 Stunden nicht ausgereicht, um diese Stadt zu erkunden und zu erkennen. Dazu würde auch ein Leben nicht reichen, denn diese Stadt wächst rasend schnell. Sie expandiert. Aber mein Aufenthalt hat ausgereicht, um zu erkennen, dass diese Megacity, diese Hauptstadt der westlichen Welt, scheinbar das binäre System erfunden hat, denn hier unterwirft sich alles der Codierung digitaler Informationen.
Hier ist alles "0" oder "1". Es gibt nur arm oder reich, fett oder fit, groß oder klein, laut oder leise, schwarz oder weiß. Leben oder sterben. Und obwohl diese City bunter und multikultureller ist, als jede andere Stadt, lässt sie kein Mittelmaß, keine Grauzone zu. Spielst du nicht mit, wirst du gefressen! Sie ist der Wolf im Schafspelz. Sie ist die Schlange Kaa. Sie hypnotisiert dich, lullt dich ein, fixt dich an mit ihrer Maßlosigkeit, ihren Neonleuchtreklamen, ihrem Blitzlichtgewitter, ihrer grenzenlosen Übersättigung und Verschwendung von materialistischen Werten. Sie hat von allem zu viel. Zu viele Menschen. Zu viele Autos. Zu viel Buisness, zu viel Macht, zu viel von sich selbst.
Die physikalischen Gesetze des Universums scheinen sich hier in New York wiederzufinden, denn sie ist eine kapitalistische Sonne im Endstadium. Sie bläht sich immer weiter auf zu einem leuchtenden, roten Riesen, der alles verbrennt. Ein schwarzes Loch, mit einer unvorstellbaren Anziehungskraft, das alles verschlingt, was ihr zu nahekommt. Nirgendwo sonst ist der Verfall ideeller Werte so extrem zu erkennen, wie in den Straßen dieser Stadt. Alle Todsünden vereinen sich hier, um aufkommende Ruhe, Wärme, Harmonie auszumerzen und im Keim zu ersticken. Sie ist laut und wild und unberechenbar und alles dreht sich um Geld, Macht, Vergnügen und ich fange an zu begreifen, warum sie Ziel eines menschenverachtenden, abscheulichen Anschlags wurde. Keine Stadt der Welt symbolisiert den Verfall christlich- demokratischer Werte extremer, als New York City.
Die Einwohner dieser Metropole lieben ihre Stadt, abgründig. So wie ein Junkie seine Droge liebt. Es ist eine Hassliebe und man kommt nicht von ihr los, bis man tot ist. Natürlich hat New York auch seine schönen Seiten, ohne Zweifel. So wie ein Hai oder eine Schlange auch schöne Seiten haben. Sie ist und bleibt gefährlich. Zumindest für mich. Ich verlasse diese Stadt mit der Erkenntnis, dass zwei Seiten in mir leben. Die eine säuselt: "Bleib doch hier, auf ewig“, - die andere sagt: "Schnell weg hier." Engel links, Teufel rechts, womit mir wieder bei dem binären Code wären, den diese Stadt für sich allein in Anspruch nimmt.
Jetzt bin ich wieder daheim. 'Genieße die Ruhe, die Harmonie, die kleinen Dinge, die mich glücklich machen. Aber wenn ich meine Augen schließe, dann ist sie da. Groß und mächtig. Ich sehe sie, ich fühle sie, ich höre sie. Diese eine Stadt, die nach mir ruft, nach mir greifen will. Die Schlange Kaa. Deswegen muss ich über sie schreiben. Damit es aufhört.

Oliver Peetz