Ein Gedankenbericht über London

Mein Flieger landete unsanft. Nicht Heathrow. Etwas weiter außerhalb. Nachts.
Jetzt begann das Abenteuer „London“. Den Leihwagen hatte ich via Internet angemietet. Die Formalitäten am Schalter mit der netten Britin schnell geklärt. „Sind sie Amerikaner?“
„German.“
„Ihr Akzent? Wie ein Amerikaner.“ Es lag wohl daran, dass ich müde war.
Danach zum Parkplatz. Tausende von Leihwagen. Irgendwann fand sich das von mir gemietete Fahrzeug. Ein Japaner. Ach ja, rechts einsteigen! Und mit links schalten. Und links fahren. Und am Kreisel links abbiegen! 
Alles im Stand verinnerlicht, und ... Stadtautobahn sechsspurig. Nachts. Auf der falschen Seite! Die schnelle Spur befindet sich rechts! Von Müdigkeit keine Spur mehr. Adrenalin ist besser als jeder Kaffee.
Nach gefühlten fünfzig Kilometern durch den Randbezirk dieser Riesenmetropole kam ich unversehrt am Hotel an. Erst mal schlafen.
Am nächsten Morgen sollte es losgehen. Großstadtsafari. Ohne Gewehr. Dafür mit einer Canon bewaffnet.
Ich wollte London erobern, es inhalieren, es aufsaugen, dieses einstige Jagdrevier von „Jack the Ripper“, der Geburtsstätte des Punks und die Zentrale der europäischen Hochfinanz. Also überlegte ich, wo ich anfangen sollte. "Piccadilly Circus". Das kannte ich noch aus dem Englischunterricht.
Als ich Alex, dem netten jungen Italiener an der Hotelrezeption von meinem Vorhaben berichtete, mit dem Leihwagen in die City von London fahren zu wollen, staunte dieser nicht schlecht und schüttelte ungläubig den Kopf. Mit dem Auto wäre es viel zu gefährlich als Tourist (eine plausible Erklärung blieb er mir schuldig) und vor allem sei das zu teuer. Die Parkgebühren seien hier ähnlich wie die Mietpreise. London ist teuer, unverschämt teuer. Also ließ ich von meinem Vorhaben ab und fuhr mit der U-Bahn. Das war schon ein Erlebnis für sich und jetzt weiß ich auch, warum die Engländer sie die "Tube" nennen. Es fühlt sich wirklich so an, als rase man - eingepfercht in einer Tube - durch die engen U-Bahn-Tunnel, die so tief in den Untergrund der Stadt verbaut sind, dass man drei unendlich lange Rolltreppen hinunter zu den Haltestellen geleitet wird.
Angekommen am „Piccadilly-Circus“, raus aus der Bahn, die Treppen hoch und rein ins Herz von London.
Und was einen hier an einem gewöhnlichen Freitag erwartet, kann man kaum in Worte fassen!
Hier kocht London. Hier brennt die Luft. Diese Menschenmengen. Rom, Marseille, Paris, Barcelona, Prag, Stockholm; habe ich alles gesehen - vergiss es. Diese Stadt packt dich und reißt dich mit. Hier ist der Schmelztiegel der Nationen. Das Epizentrum. London's Potpourri der Kulturen und Subkulturen. Gewürzt mit Adel, Business, Punk und Pop. „Seht mich an!“ schreit sie dir ins Gesicht, „Hier bin ich!“ Das Kunstwerk London. Es pulsiert. Es lärmt und grölt. Klänge von Jazz und Blues, Gerüche von Bier, gerösteter Ente und gebrannten Mandeln an jeder Ecke. Vergiss LSD. London ist der Trip. Der Rausch ist die Stadt selbst.
Ich fühle mich wie Harry Potter und Alice im Wunderland zugleich. Hier in den Straßen rund um Piccadilly ist New Orleans, Mumbai, Hong Kong, Nairobi, Love Parade und Woodstock, Rock am Ring und Halli Galli. Alles feiert. Alles lacht. Alles hetzt. Alles tanzt. Der totale Wahnsinn.
Wir haben nur ein Leben. Für London reicht es nicht. Hier gibt es noch so vieles mehr. Ein eigenes britisches Universum. Und es ist nicht einmal "Big Ben", der Buckingham Palast, die Tower Bridge oder das "London Eye", dieses überdimensionierte Riesenrad, das einen mit nur einer halben Umdrehung in die Wolken reisen lässt. Nicht dieser touristische Mainstream. Es sind die Menschen. Die Gesichter. Die kleinen Dinge, die Bruchteile von Sekunden, in denen so viel passiert. Die Geschwindigkeit London's, die Eigendynamik. Die charmante Art, mit der London übertreibt. Die Toleranz und Weltoffenheit, die Unendlichkeit der Vielfalt.
Und während ich als Person bei uns daheim auffalle (meine knallgelben Nike's ohnehin), gehe ich hier unter "ferner liefen". Wenn überhaupt. Als winziges Teil in einem überdimensionalen Puzzle. Eine Tatsache mit der ich mich schnell anfreunden muss. Denn hier ist alles Beschleunigung. Hier drehen die Uhren schneller. Willst du ‘ne Pause- geh in den Hydepark. Hier in London sind 8Millionen Menschen Teil eines Gesamtkunstwerkes, welches man erlebt haben muss. Du musst keine andere Metropole in Europa. Diese musst du!
Und was das Nachtleben London's angeht, hülle ich mich gekonnt in britisches Understatement. Nur so viel: Hier kannst du in einer Nacht aufsteigen und untergehen. König und Bettler sein. Und hier wahrscheinlich auch beides gleichzeitig!
Nach 48 Stunden ist der "Citizen Movie"  für mich vorbei und ich reise heim. Im Gepäck: Millionen Eindrücke. Unsortiert.
Zuhause angekommen liege ich die ganze Nacht wach. Ich denke an London. Ich will zurück. Ich vermisse dich. Ich glaube, ich hab mich verliebt.
Einen Dank an die Engländer, das es London gibt.

Oliver Peetz