Der Kugelschreiberplanet

Eloween entschied sich für die Gedanken. Für Erinnerungen, um genau zu sein. Damit wurde Gott auf Engel Eloween aufmerksam, denn bislang war niemand auf diese Idee gekommen. Aber bevor er Eloween seine ganze Aufmerksamkeit schenkte, bat er erst die anderen Engel, ihm ihre Entscheidungen kundzutun.
Die gesamte Engelschar zu befragen, bedurfte Gott nur einer Sekunde. Diese dauerte allerdings etliche Stunden, was wiederum nur den Bruchteil einer Minute ausmachte.
Zeit war relativ in der Himmelswelt, dehnbar wie Kaugummi, und hatte keinen festen Wert, auch keine Zeiger, und vor allem war die Zeit hier im Himmel nicht so rar und knapp bemessen wie bei den Menschen auf dem Planeten Erde.
Gott begann also mit dem Engel Momodrian. Er nickte dem Engel lächelnd zu und gab ihm damit das Zeichen, nun von seinen Plänen und von seinen Vorstellungen zu berichten.
Momodrian entschied sich für die Bücher. Er war sich sicher, mit Büchern die richtige Wahl getroffen zu haben, da sie eine Vielfalt an Wissen und Informationen beinhalteten und Wissen nun mal die Basis für ein erfülltes Leben war. Und außerdem waren Bücher in großer Anzahl bei den Menschen zu finden, es wäre schwer nachvollziehbar, wenn eines oder auch mal zwei davon verschwinden würden.
Gott schien auf eine Erklärung zu warten, denn er sah den Engel Momodrian auffordernd an und wartete.
»Die Menschen verleihen oft Bücher untereinander. Mehr und öfter als alles andere ihrer Besitztümer. Und die Menschen, sie vergessen sehr schnell an wen und wann sie die Bücher verliehen haben. Somit ist es für sie schwer zu erkennen, dass sich etwas Unerklärliches abspielt.«
»Ja, ja, das Vergessen. Damit hast du sehr wohl Recht. Sie vergessen, diese Menschen dort auf der Erde«, sprach Gott und willigte in Momodrians Auswahl ein.
Gliffirano entschied sich für Strümpfe und Socken und wollte die Menschen in dem Glauben lassen, ihre Waschmaschinen würden sie fressen.
»Und du meinst, das funktioniert, Gliffirano?«, fragte Gott den Engel.
»Ich bin mir sicher, sehr sicher.«
»Also gut. Du hast meine Zustimmung.«
Dass er damit ein andauerndes Mysterium und Zündstoff für weitreichende Diskussionen unter den Menschen auf der Erde auslösen würde, ahnte noch niemand. Gliffirano erklärte sein Vorhaben, und die Engelschar lauschte gespannt seinen Worten und seiner wundervollen Stimme.
»Immer nur eine Socke. Aber eben auf solch unauffällige Weise, dass die Menschen sich damit abfinden und es früher oder später auf dieses Gerät schieben würden, welches für sie die Arbeit des Wäschewaschens übernimmt. Diese riesigen, trommelnden Geräte stehen überall in den Haushalten der Menschen. Zumindest in den Teilen der Welt, in denen wir tätig werden sollen, Herrgott. Dort, wo die Menschen so viel besitzen, dass sie etwas abgeben könnten. Wenngleich sie nicht gern teilen, geschweige denn etwas hergeben wollen von dem Überfluss.«
»Nun denn, mache dich auf, mein Engel. Aber bedenke«, so Gott, »die Menschen dürfen nicht erkennen, dass es Engel und auch Wunder gibt.«
Gott wusste, dass die Menschen lieber glauben wollten, eine Maschine würde ihre Socken essen, als dass sie von Engeln geholt würden.
Die Menschen dort auf dem Planeten Erde wollten sich nicht mit so etwas beschäftigen. Sie wollten Ergebnisse, Fakten, wollten alles Mystische erklären und Wunder durch Logik widerlegen. Sie hatten den Glauben an Gott, an die Engel und an die Wunder, die durch sie vollbracht wurden, verloren.
Und wozu brauchte eine einzige Person zwanzig Paar Socken oder mehr? Sie wollten immer mehr von den materiellen Dingen und immer weniger Ideelles. Eben keine Wunder.
Zerabella entschied sich für die Spielsachen der Menschenkinder.
Gott aber mahnte: »Sei achtsam und feinfühlig! Überdenke gut, was du tust und was du nimmst. Oftmals haben diese kleinen Geschöpfe einen sehr tiefen, innigen Bezug zu ihren Sachen, gerade zu solch unscheinbaren Dingen wie beispielsweise einem alten schmutzigen Stofftier, obgleich es nur noch ein Knopfauge hat und sein Fell abgegriffen ist.«
Zerabella widersprach nicht. Niemand widersprach, dennoch war leichter Protest und ein wenig Aufruhr in ihrer Stimme zu hören, die sonst als die schönste aller Engelsstimmen galt.
»Natürlich gebe ich acht! Ich habe mich ganz bewusst und wohl überlegt für die belanglosen Dinge der Menschenkinder entschieden. Dinge, die sofort erkennen lassen, dass sie zu dem Überfluss gehören, welcher ihre Seelen so vergiftet. Man erkennt diese Sachen schon nach kurzer Zeit der Beobachtung, und ich habe mich viel an den Fenstern der Kleinen aufgehalten und ihnen zugesehen. Wenn Spielsachen nach dem Heiligen Fest nicht mehr von den Kindern genutzt werden, überall in ihren Zimmern herumliegen und darauf herumgetrampelt wird, oder in den Verpackungen unter den Betten verstauben, dann bin ich gewiss, dass sie den Wert nicht erkennen. Und erst recht, dass sie von allem zu viel besitzen. Ich weiß dann, dass es zu schade ist, diese Sachen dort zu lassen. Oder zumindest einen Teil davon. So fehlen dann halt ein paar Dinge. Ich habe es schon ausprobiert, indem ich ein paar Spielfiguren und eine Handvoll Bausteine genommen und die Spiele so platziert habe, dass sie dem Menschenkind ins Auge fallen mussten. Sie erkannten nicht, dass etwas fehlte. Dazu sind sie noch zu klein.«
»Ah! Ich sehe, du hast deine Hausaufgaben gemacht, Zerabella. Sehr gut. Nun mache dich auf, und verteile gerecht. Ich vertraue dir.«
Nun war Joshua an der Reihe, und man konnte augenblicklich ein Raunen und Flüstern vernehmen, welches von der gesamten Engelschar ausging. Denn Joshua war anders als die anderen Engel. Sein Verhalten zu erklären, bedurfte sehr viel Zeit.
Ach ja, die liebe relative Zeit …
Also, mindestens eine Sekunde oder auch tausende von Jahren musste man einplanen, um das Wesen des Engels Joshua zu erläutern. Wenn das überhaupt ausreichen würde, denn Joshua war unter den Engeln so ungewöhnlich, wie es eine blaue Kuh auf der Erde bei den Menschen wäre.
Joshua sah Dinge, die andere Engel nicht sahen, er dachte anders, und irgendwie fiel er auch gänzlich aus der Reihe. Aber Joshua hatte die Gabe, die Worte Gottes schneller zu begreifen als all die anderen Engel. Er verstand die Worte Gottes, noch bevor man sie hören konnte. Aber Joshua hatte ein Problem. Er verstand sich selbst nicht. Und er verstand auch nicht, warum er ein Engel war, obgleich er die Frage nach dem Warum schon unzählige Male von Gott beantwortet bekommen hatte.
Die meiste Zeit trällerte der Engel Joshua irgendwelche Lieder, die niemand kannte und die er selbst nicht kannte. Er wirkte oft abwesend, irgendwie kindlich und verspielt.
Er benimmt sich wie ein junger Hundewelpe, gab der Engel Orthogan von sich, als Joshua einmal so dicht an ihm vorbeiflog, dass er fast einen Flügel verloren hätte. Gar nicht so, als wäre er im Himmelreich.
Und so schien es, als verstünde er Gottes Plan nur zum Teil, denn er war ständig von Dingen abgelenkt, die nur er sah, und von Stimmen, die nur er hörte.
Er wurde von den anderen Engeln akzeptiert, aber eben nur so, wie eine blaue Kuh auf der Erde akzeptiert würde. Mit viel Aufsehen, viel Misstrauen, jeder Menge Kopfschütteln und Fragen, die niemand beantworten konnte. Niemand außer Gott.
»Er ist eine Laune der Natur, also meiner Laune. Da ich eben auch launisch sein kann, gibt es ihn. Er ist etwas Besonderes. Nicht mehr und nicht weniger.«
Damit war Joshuas Verhalten erklärt und vor den anderen Engeln gerechtfertigt. Gott ließ Joshua immer besondere Aufmerksamkeit zukommen, obgleich er bekundete, seine Engel allesamt gleich stark zu lieben. Die Engelschar kannte weder Neid noch Missgunst. Das waren Eigenschaften der Erdenmenschen.
Er gehörte auch bei weitem nicht zu den Schönsten. Wie gesagt, er war anders. Seine Flügel waren nicht weiß, sie schimmerten eher smaragdgrün bis violett, je nachdem, wie das Licht Gottes auf die doch etwas fransigen und knittrigen Flügel fiel.
Sein Haar war nicht gülden, auch nicht blond, und es glänzte auch nicht so wie bei den anderen Engeln. Es war rötlich, und als Joshua einmal die anderen Engel gefragt hatte, welche Pflegemittel sie benutzen, um solchen Glanz und solche Festigkeit in ihre wunderschönen Haare zu bekommen, hatte er nur verwirrte Blicke und Kopfschütteln geerntet, und alle waren kichernd davongeflogen.
Joshua hatte gegrinst, denn er war der Meinung gewesen, die anderen Engel stiegen auf, um auf der Ebene der Weisheit, Antworten auf seine Frage zu sammeln. Dass sie ihn für verwirrt gehalten und seine Frage augenblicklich verdrängt hatten, war ihm nicht bewusst geworden.
Aber selbst Gott hatte seine Last mit dem Engel Joshua, denn anstatt Gott nun eine Antwort auf seine Frage zu geben, setzte Joshua zu einer Entschuldigung an und erklärte seine ständige Zerstreutheit damit, dass er ständig geküsst werde. Gott sah ihn an und wartete geduldig auf eine Erläuterung.
»Von der Muse, lieber Gott. Die Muse küsst mich immerzu, und ich habe Gefallen daran. Ich möchte am liebsten die ganze Zeit singen, malen, kreieren und kredenzen und … es ist wahrlich nicht meine Absicht, unaufmerksam zu sein. Ich bin stets bemüht, mein Herrgott.«
Gott gab Joshua daraufhin Zuversicht, indem er ihm eine außergewöhnliche Art und Weise bescheinigte, die nur selten bei Engeln zu erkennen war.
»Die Naturvölker auf der Erde ließen außergewöhnlichen Menschen in ihren Reihen ähnliches zukommen. Körperlich oder geistig behinderte Menschen wurden verehrt, und das zu Recht. Sie erkannten, dass ich diesen außergewöhnlichen Wesen besonderen Wert beisteuerte. Ein Teil meines Plans. Also schäme dich nicht für dein Antlitz, nutze dein Sonderbares, um anderen Erkenntnis zu geben. Für welche Dinge hast du dich entschieden?«
»Oh, Herrgott Vater. Erst waren es Haarbürsten. Aber die findet man zu häufig bei den Frauen und zu selten bei den Männern und ... dann dachte ich an Lebensmittel. Äpfel gefallen mir. Sie sind so schön rund und bunt und süß und …«
Jetzt wurde der Herrgott doch etwas ungehalten, und er mahnte Joshua zur Vernunft.
»Joshua!«
»Für Stifte. Also genauer gesagt, Kugelschreiber. Ja, so nennt man sie. Kugelschreiber. Mit denen halten die Menschen ihre Gedanken auf Papier fest. Nicht immer schöne Gedanken, aber…«
»Ja, Joshua, ich weiß. Sie sind vergiftet, seit Adam von der Frucht aß und Eva ─«
»Oh ja! Unsere Eva … ich weiß. Sie ist so wunderschön … trallala …«
»Joshua!«
»Entschuldigung, Herrgott. Die Muse, sie küsst mich schon wieder. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja. Die Stifte habe ich gewählt. Kugelschreiber. Davon gibt es so viele auf dieser seltsamen Erde. Laut meiner Rechnung vierundvierzigtrillioneneinhundert ─«
»Joshua, bitte!«
»Ja, mein Herrgott Vater. Ich dachte mir schon, dass meine Entscheidung für die Kugelschreiber etwas spärlich anmutet, also habe ich mir gedacht, ich nehme noch die Feuerzeuche dazu.«
»Feuer … was?«
»Feuerzeuche.«
»Du meinst Feuerzeuge!«
»Ja, genau. Feuerzeuge. Sag ich doch.«
»Joshua!«
»Ja, Vater. Herrgott Vater. Was denn?«
»Du machst mich noch … begründe nun deine Wahl, bevor ich es mir anders mit dir überlege.«
»Die Menschen bemerken nicht, dass ich ihre Kugelschreiber und Feuerzeuge stibitze. Es ist merkwürdig, aber niemand von den Menschen macht sich Gedanken darüber, wo ihre Feuerzeuge und Kugelschreiber herkommen und auch nicht, wohin sie verschwinden. Bei diesen beiden Dingen sind die Menschen unaufmerksam, und irgendwie scheinen sie sich daran gewöhnt zu haben, wenn mal wieder ein Feuerzeuge daliegt oder ein Kugelschreiber verschwindet und umgekehrt. Ich habe es schon getestet. Etwa vierhunderttausendeinundzwanzig ─«
»Gut, gut, gut, es reicht! Genehmigt. Mach dich wieder auf, und tue, was zu tun ist. Denk an die Armen und Schwachen. Jetzt!«
»Ja, natürlich. Jetzt. Dumdidum, Tüdelüü …«
Und irgendwann, nach ganz langer, kurzer Zeit, nach einer kurzen Ewigkeit, die wie eine tausendjährige Sekunde dauerte, hatten die Engel dem Herrgott vorgetragen, wie sie ihrer Aufgabe als Engel Genüge tun wollten, um Gutes zu vollbringen und um Gerechtigkeit auf der Erde zu üben. Um etwas zu verteilen und Überfluss und Bedürftigkeit auszugleichen. Eben, um Engel zu sein, so wie Gott es von ihnen erwünschte.
Alle Engel hatten berichtet, bis auf einen: Engel Eloween.
Gott sah seinen letzten verbliebenen Engel an, ohne Worte, eine gefühlte Ewigkeit, und Eloween spürte die allmächtige Güte Gottes. Eine Güte unendlicher Stärke und endloser Liebe, wie sie eben nur von Gott selbst ausgehen konnte.
Irgendwann erhob sich Gott und schritt auf Eloween zu, legte seine Hand auf des Engels Haupt und sprach: »Deine Wahl ist sonderbar, aber gleichsam wunderbar. Was hat dich zu dieser Entscheidung bewegt, Eloween?«
»Es war dein Wunsch, Herrgott, zu verteilen. Du sprachst aber mit keiner Silbe von materiellen Werten, Herr. Nur davon, dass sie krank wären, die Menschen dort auf der Erde. Vergiftet aber sind sie im Geiste. Hervorgerufen durch Neid und Missgunst. Durch Gier und dem schändlichen Bestreben nach Macht. Ich habe zugehört, Vater. Aufmerksam zugehört. Immerzu. So wie du es von uns erwartest. Nicht so wie Joshua, der ─«
»Eloween, bedenke deine Worte!«
»Verzeih mir, Herrgott Vater, natürlich. Es ist nur so traurig … was dort mit den Menschen geschieht. Engel sollten nicht traurig sein.«
»Was genau stimmt dich so traurig, Eloween?«
»Herr, ich weiß, dass es nicht nach deinem Sinne ist, Neid in sich zu tragen, und dennoch beneide ich den Engel Joshua. Er ist anders. Immerzu ist er fröhlich. Und er singt …«
»Und deshalb empfindest du Neid, mein Engel?«
»Ich wäre gern wie er. Es ist, als erkenne er das Unglück nicht. Deine Erde, Herr! Des Menschen Mutter! All die Dinge, die du erschufst, die rein und richtig waren ... Die Natur, so unbeschreiblich schön und einzigartig. Die Tierwelt, an Vielfalt, mit den Sternen des Universums gleichzustellen. Die Völker vergangener Epochen, die in Einklang lebten mit ihrer Mutter Erde. Diesem wundervollen, einzigartigen Planten. Er ist doch einzigartig, nicht?«
»Alles, was ich schuf, ist einzigartig, Eloween. So wie du, und Joshua, und alles im Universum.«
»Sie erkennen nicht, Herrgott Vater, die Menschen dieser Zeit dort auf der Erde. Sie weint, die Erde. Sie weint vor Schmerz, vor Dreck, vor Leid und vor Krieg und Zerstörung. Die Indianer, die Inuit, die Aborigines, die Massai und alle anderen Völker der Natur verschwinden zusehends, und die Natur selbst auch. Aber die Menschen erkennen nicht, dass sie selbst es sind, die dein Wunder zerstören. Sie sind blind, verblendet und auf unrechten Pfaden. Ihre Herzen sind schwer, ohne dass sie es spüren. Ihre Gedanken sind vergiftet, ohne dass ─«
»Eloween!«
»Ja, Gott?«
»Wir beide wissen, was sie taten, als sie von der verbotenen Frucht aßen. Ich gab ihnen alles. Selbst meinen Sohn gab ich ihnen, damit sie zu Erkenntnis gelangten. Zweifelst du an meinen Taten?«
»Mein Herrgott Vater, nein! Natürlich nicht. Aber ich erkenne keine Weisheit in dem Geist der Menschen. Ich wollte nicht davon beginnen, aber jetzt, wo du es ansprichst ...«
»Sprich, mein Engel.«
»Sie haben ihre Chance nicht erkannt, diese Menschen. Und ich … ich habe Bedenken, ob es je wieder eine Chance für die Menschen und diesen wundervollen, blauen Planeten geben wird. Und selbst als du ihnen deinen Sohn sandtest, damit sie begreifen und zur Vernunft geführt würden, blieben sie ohne Erkenntnis. Es ist so traurig. Dein Sohn gab sein eigenes Leben, und sie verstehen nicht. Sie wissen nicht, was sie tun …«
»Du hast Recht, mein Engel Eloween, und ich bewundere deinen Mut, es anzusprechen, obgleich du um meinen Schmerz weißt. Die Menschen haben ihn verurteilt und damit sich selbst. Dort, auf meiner wunderschönen Erde. Aber du hast Weisheit und Erkenntnis, denn du bist ein Engel und kein Mensch. Du solltest die Hoffnung nie außer Acht lassen. Denn sie ist neben der Liebe und dem Glauben doch das Wichtigste.«
»Und genau das ist es, was mich traurig macht. Die Hoffnungslosigkeit.«
»Hoffnung, Eloween, ist etwas, was niemals vergeht. Es wird sie immer geben. Genauso wie den Glauben, und vor allem die Liebe. Vertrau mir.«
»Das tue ich, Vater.«
»Aber was hat dich denn nun dazu bewegt, Erinnerungen von den Menschen zu nehmen, Eloween?«
»Es erscheint mir richtig, denn sie brauchen keine Erinnerungen, da sie sich nicht mit dem Schönen umgeben wollen. Ihrem Geist, ihrem Verstand. Sie wollen nur Geld, Macht und übermäßigen Wohlstand. Sie sind ignorant, egoistisch und kaltherzig. Und genau das ist es, was die Mutter Erde zerstört! Also nehme ich ihnen Erinnerungen und helfe damit denen, die keine Gedanken und Andenken an etwas Schönes haben. Den vergifteten Seelen wird es nicht schaden, und den Bedürftigen wird es helfen. Das ist eine ganz einfache Gleichung, keine hohe Mathematik. Handel ich richtig, Herrgott Vater?«
»Wenn ich nun sagen würde, dass du richtig liegst, lägen dann alle anderen Engel mit ihren Entscheidungen falsch, Materielles zu verteilen?«
»Nein, natürlich nicht. Dass jeder anders denkt und handelt, ist doch das, was du uns lehrst. Einzigartigkeit.«
Gott spürte in diesem Augenblick, dass Eloween an den Engel Joshua dachte. Genau wie er selbst. Denn Gott kannte ohnehin jeden Gedanken seiner Engel, bevor sie ausgesprochen oder gedacht waren.
»Du bist ein weiser Engel, Eloween, gewiss. Ich bewundere deine Gedanken, sie sind stark, und sie sind von reiner Güte. Aber bedenke dennoch, wenn du dich mit solch ehrenwertem Bestreben aufmachst, kann das am Ende auch Enttäuschung mit sich führen.«
»Ja, Gott, mir ist sehr wohl bewusst, dass meine Wahl keine leichte ist und das Ergebnis nicht vorhersehbar, anders als zum Beispiel Gliffiranos Wahl der Socken und dieser seltsamen Maschine.«
Nun musste Gott lachen, und das war bei weitem eine Seltenheit, denn unendliche Weisheit lacht nur sehr, sehr selten.
Für Eloween war es ein Zeichen. Ein Zeichen, dass er richtig lag und damit Gottes Zustimmung hatte. Denn wann immer Gott mit seinen Engeln über die Menschen auf der Erde und deren Zukunft sprach, wirkte der Allmächtige betrübt. Eine Tatsache, die man ihm nicht verdenken konnte. Sie, die Menschen, hatten seinen einzigen Sohn genommen. Er starb nur aus einem einzigen Grund. Aus Liebe zu den Menschen.
Und all die Engel machten sich auf den Weg zur Erde, um etwas zu nehmen und um etwas zu geben. So wie Gott es ihnen auferlegt hatte. Ein jeder hatte seine ganz spezielle Vorstellung, wie eine gerechte Verteilung vorzunehmen war. Sie allesamt wussten nun, wie es um die Menschen und um Mutter Erde stand, und alle Engel machten sich große Sorgen. Aber sie waren auch voller Hoffnung. Aber gewiss waren sie sich nicht. Wie würde es wohl weitergehen, dort auf diesem einst so wundervollen Planeten, den Gott erschaffen hatte?
Nur der Allmächtige Herrgott selbst schien dieses zu wissen, und die Engel empfanden Gottes Willen wie eine Prüfung, als sie entsandt wurden, um ihre Aufgaben als Engel zu erfüllen und Wunder zu vollbringen.

Ein paar Erdenjahre später traf der Engel Sarafinas auf den Engel Gliffirano. Dieser wirkte sehr geschäftig und außer Atem. Als Sarafinas ihn fragte, warum er denn wohl so aufgebracht wäre, antwortete dieser:
»Es ist schwerer mit den Menschen auf der Erde, als ich vermutet habe, denn nicht alle sind so leicht zu täuschen. Es gibt ein paar wenige unter ihnen, die mir auf die Schliche zu kommen scheinen. Sie durchschauen die Sache mit der Waschmaschine und glauben doch tatsächlich an Wunder. Gibt es denn das? Ich war der festen Meinung, sie wären allesamt von dieser Krankheit, der Gier nach Materiellem und dem Streben nach Macht, infiziert. Doch es scheint Ausnahmen unter denen zu geben, die viele Besitztümer angehäuft haben. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wie ist deine Meinung, Sarafinas? Denkst du, Gott wollte uns vielleicht bloß testen? Denn zweifelsohne weiß er um die Seelen aller Menschen, dort auf dem Planeten, und ich bin verunsichert. Ich habe nicht damit gerechnet, und nun mache ich mir Sorgen, meiner Aufgabe nicht gerecht zu werden und Gott zu enttäuschen.«
»Zuerst einmal …«, sagte Sarafinas, »du wirst ihn nicht enttäuschen. Niemals. Bedenke seine unendliche Güte und Liebe, die er ganz besonders für uns hegt. Und ich denke, ebenso unendlich ist seine Liebe zu den Menschen.
Seinen Plan kennen wir dennoch nicht im Ganzen und Gesamten, und das ist auch gut so. Scheue dich nicht, und schäme dich nicht, das ist ihm nicht Recht. Wähle den einzigen richtigen Weg, und fliege zu ihm. Zeige dein Engelswesen, und breite dich vor ihm aus. Erkläre dein Anliegen. Rede mit unserem Herrgott Vater. Ohnehin wird er dich erwarten. Er sieht dich. Er sieht mich. Er sieht alles. Und er hört uns. Nun?«
»Ja, vielleicht sollte ich genau das tun.«
»Er wird dir den rechten Weg weisen. Ganz bestimmt.«
»Du hast Recht, Sarafinas. Warum soll ich mich weiter so in Unruhe versetzen. Er wird Verständnis haben und wissen, was zu tun ist.«
Und als der Engel Gliffirano losflog, um vor Gott zu berichten und zu beichten, da begegnete ihm plötzlich der Engel Joshua. Sie wären beinahe zusammengestoßen, denn Joshua flog wildkreisend und mit geschlossenen Augen durch die Lüfte.
»Joshua!«, schrie Gliffirano, als er ihn fast berührte.
»Wo ist Joshua?« Er riss die Augen auf, sah Gliffirano dicht vor sich fliegend, und murmelte dann etwas peinlich berührt: »Ach ja, ich bin Joshua.«
»Was treibst du hier, Joshua? Hast du nicht eine Aufgabe zu erfüllen?«
»Äh, ich … also … Eine Aufgabe? Ja, natürlich! Eine Aufgabe. Ich kümmere mich um die Kugelschreiber. Sie sind allesamt auf dem Planeten dort hinten. Er war so leer, dieser einsame Planet, mit seinem ganzen grauen Staub und der Einöde und … unbewohnt ist er obendrein. Somit stört es doch wohl niemanden, dass ich diesen Planeten etwas schöner gestalte. Ich habe die Stifte und Kugelschreiber dorthin gebracht, und auch die Feuerzeuge, um etwas Farbe in diese öde Landschaft zu bringen.«
Gliffirano traute seinen Ohren nicht, und er flog, ohne sich von Joshua zu verabschieden, direkt zu Gott, um mit ihm zu reden und um dann auch von Joshuas Treiben zu berichten.
Als er völlig außer Atem bei dem Herrgott Vater ankam und ihm seine Sorgen und Bedenken bezüglich der Menschen unterbreitete, antwortete dieser mit ruhiger Stimme.
»Ich wusste, dass dies geschehen wird, und ich wusste, dass du zu mir kommen wirst. Wenn auch nur auf Rat von Sarafinas. So zeitig habe ich allerdings nicht mit dir gerechnet. Und was ist mit Joshua? Du wolltest doch auch von ihm berichten. Habe ich Recht?«
»Ja, Vater. Du hast Recht. Joshua versteht sein eigenes Handeln nicht und auch nicht seine Aufgabe. Er verteilt die Kugelschreiber auf einem leeren Planeten, damit dieser schöner aussieht. Er hat die Dringlichkeit und deinen Willen vergessen.«
»Danke, Gliffirano. Aber was macht dich so sicher, dass Joshua nicht klaren Verstandes ist? Vielleicht hat er einen eigenen Plan? Einen, den ich gutheißen würde, weil ich sowohl um Joshua weiß als auch um sein eigenwilliges Treiben. Wir wissen beide, dass er anders ist als du und die anderen Engel. Ich vertraue ihm, aber ich werde mich seiner annehmen. Zu gegebener Zeit.
Nun zu deinen Beobachtungen bei den Menschen. Es erstaunt mich nicht, was du bemerktest. Du bist ein sehr aufmerksamer Engel, Gliffirano.«
Der Engel Gliffirano wurde verlegen, als er Gottes Worte hörte. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass Gott diese gute Meinung über ihn hatte, und er freute sich. Aber nur innerlich, denn er wollte auch weiterhin, während des Gespräches mit dem Allmächtigen, gefallen und unterdrückte ein freudiges Lächeln.
»Tatsächlich gibt es sie noch. Menschen mit reinem Herzen und reiner Seele. Menschen, die noch nicht vergiftet sind und den Glauben an das Göttliche in sich tragen. Wodurch ist es dir aufgefallen, Gliffirano?«
»Ich denke, ich habe richtig gehandelt und Gerechtes getan. Ich habe sehr viel verteilt, Herrgott. Aber … das Verhalten einiger Menschen erstaunte mich doch sehr. Die Unterprivilegierten, die Armen, die Verwaisten und Bedürftigen nahmen unsere Gaben mit einem ungewöhnlichen Verständnis an. Daraus schließe ich, dass ihre Herzen rein sind und ohne Gift ihr Verstand. Sie wirken, als seien sie voller Gewissheit um deine Existenz, den damit verbundenen Glauben an uns Engel und an die Wunder, die wir vollbringen. Und sie hegen auch keinen Neid und sind frei von Misstrauen. Sie, die Armen, die Bedürftigen, die Unterprivilegierten sind es, die dich im Herzen tragen und dich wirklich lieben.
Es scheint wie ein großes Paradoxon. Diejenigen auf der Erde, die Leid und Kummer ertragen müssen, die so viel Entbehrung erlebten und erleben, die so viel Last und schwere Bürde auf ihren Schultern tragen, Tag für Tag ─ sie sind so voller Leben, Liebe und Freude. Sie singen und beten und sind so dankbar. Ganz im Gegensatz zu denen, die im Überfluss leben, hinterfragen diese armen Menschen nichts. Niemand. Es scheint, als wären sie mit solchen Situationen vertraut. Es ist befremdlich, dass diejenigen, die so viel, ja zu viel besitzen, erst so beharrlich nach etwas suchen, das nur geringen materiellen Wert hat, wenn sie bemerken, dass es sich nicht mehr in ihrem Besitz befindet. Ich erkannte die Gegensätze, die Verteilung des Glaubens und die Hintergründe von all dem, was dort auf diesem Planeten passierte. Ich war mir sicher, deinen Plan zu erkennen, ihm Genüge zu tun und ihm gerecht zu werden. Aber dann kam es in der Welt der Vergifteten zu Situationen, die ich nicht begreifen konnte. Es gibt dort Ausnahmen. Zumindest dachte ich bei der ersten Situation, es würde sich um eine Ausnahme handeln. Aber nach und nach erkannte ich mehr Menschen, die reiner Seele waren und dich im Herzen trugen, obgleich sie mit dem vernichtenden, kranken Strom schwammen. Ich muss gestehen, ich habe aus Neugierde ein paar Dinge geschehen lassen ─ vergib mir, Herrgott ─, die du uns untersagtest. Um sicherzugehen und um festzustellen, ob ich mich nicht täuschte …«
»Wie genau sahen diese kleinen ›Dinge‹ denn aus, mit deren Hilfe du sie erkanntest, Gliffirano?«
»Oh, ich ahnte, dass du diese Frage stellen würdest, und ich traue mich nicht so recht, davon zu berichten. Die Menschen spüren zu lassen, dass Wunder tatsächlich geschehen, war gegen deine Bestimmung. Aber wie hätte ich es anders herausfinden sollen? Vergib mir bitte …«
»Gliffirano, erzähle!«
»Es war ein Wintertag, kalt und klar. Einer dieser armen Menschen saß frierend auf dem Gehsteig, flehte mit geschundener Seele und zitternden Händen bei den vorbeigehenden Passanten um Almosen.
Ich sah in das Gesicht des armen Mannes. Sein Gesicht … es war vom Leid des Schicksals, von dem er ereilt worden war, schwer gezeichnet. So viele Menschen gingen an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten. Ich spürte sein Seelenleid, und es schmerzte in mir, als würde ich selbst dort auf dem Boden sitzen. Niemand beachtete ihn. Und wenn doch, sahen die Menschen nur ganz kurz zu ihm hinunter und gingen dann ihrer Wege. Ohne Mitgefühl und ohne Achtung.
Nach einer Weile kam eine jüngere Frau des Weges. Gut gekleidet und erhobenen Hauptes. Sie wirkte, als würde sie nicht nur der Kälte trotzen, sondern auch den Widrigkeiten des Alltags. Eine gestandene junge Frau. Wie eine dieser Schaufensterpuppen. Ja, so wirkte sie. Wie eine Schaufensterpuppe. Nun beobachtete ich diese Frau, und als sie fast auf der Höhe des Mannes war, zögerte sie für einen Augenblick. Ich konnte ihre Gedanken sehen, Herrgott. Ich spürte ihre Gedanken ganz deutlich. Sie zögerte, als sie den Mann sah, weil sie für einen kurzen Moment Mitgefühl verspürte, und das irritierte diese junge Frau. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum sie solch einen tugendhaften Gedanken hegte, als sie zu dem Mann hinunterblickte, der kauernd auf einer alten Wolldecke saß und hoffte.
Plötzlich wurden ihre Gedanken für mich so klar und deutlich, dass ich sah, was sie dachte. Sie war im Begriff, ihren Schal zu verschenken! Mit ihren Händen, die in warme Wollhandschuhe gehüllt waren, berührte sie den Schal, der elegant um ihrem Hals lag. Er muss wertvoll gewesen sein, jener Schal. Wertvoll für diese Frau. Sie hatte ihn gerade gekauft, und dennoch war sie für den Bruchteil einer Sekunde gewillt, ihn an den Mann abzugeben, da dieser nur dünn bekleidet war und einen Schal dringend nötig gehabt hätte.
Aber dann fasste sie den Entschluss weiterzugehen, behielt den Schal für sich selbst und setzte ihren Weg fort, ohne sich noch einmal um den frierenden Mann zu bemühen. Das Seltsame daran war, dass sie, nachdem sie an dem Bettler vorübergezogen war, traurig wurde. Ihre Traurigkeit galt weniger dem frierenden Mann auf dem Gehsteig, sondern mehr ihrer selbst. Weil sie nicht in der Lage gewesen war, sich von einem Kleidungsstück zu trennen, obwohl es ihr in keinster Weise geschadet hätte.
Ja, sie schämte sich ihrer geradezu. Ich konnte es in ihrer Seele sehen.
Die Menschen sind seltsam und nicht klaren Verstandes, Herrgott. Diese Frau schämte sich lieber wegen ihres Verhaltens, anstatt dem Mann zu helfen. Sehr wohl wissend, dass sie sich mit dieser Geste gut und gnädig gefühlt hätte. Es wäre das Richtige gewesen, aber sie unterließ es.
In der folgenden Nacht dann, die Frau war in ihrem Heim und schlief, begab ich mich in ihre Träume und sprach zu ihr.
Sie begann zu weinen, als sie mich spürte.
Ich habe mich der Frau gezeigt, Herrgott Vater, und das ist mein Bruch in deinem Plan, denn du hattest uns angewiesen, dieses zu vermeiden. Aber ich konnte nicht anders. Ich habe ihr helfen wollen. Und dann, am nächsten Tag, machte sie sich mit dem Schal auf den Weg zurück zu dem Bettler, weil sie zu Erkenntnis und Einsicht gelangt war! Wohl meinetwegen, Herrgott Vater. Aber es war zu spät.
Als sie zu der Stelle kam, an dem der arme Mann frierend um etwas Mitgefühl gebeten hatte, war dort niemand mehr. Der Platz war leer. Nur die Decke lag noch dort auf dem kalten Gehsteig, und ihr wurde bewusst, dass der Mann in der vorigen kalten Winternacht gestorben sein musste, denn er wäre nicht ohne diese Decke fortgegangen.
Und sie lag richtig. Ich sah ihn Herr. Er hatte alles Leid und alle Sorge hinter sich gelassen. Er hatte seinen Frieden gefunden, als er zu uns ins Himmelreich aufstieg.
Und nun wird diese junge Frau ewig mit dieser Bürde leben müssen und es niemals vergessen, denn ich schaute in die Zukunft … vergib mir, Herr, nur einmal ganz kurz. Ich erblickte die Frau. Sie war mittlerweile alt und grau. Aber ihre Gedanken waren sofort wieder bei dem verstorbenen armen Mann, als sie an einem kalten Wintertag vor die Tür trat und ihren Schal im Haus vergessen hatte.
Warum nur hatte sie sich nicht eher für das Richtige entschieden. Es ist so traurig.«
»Ich verstehe dich, Gliffirano, und ich verzeihe dir deine Taten. Denn du handeltest aus guten Beweggründen, und das ist gut. Aber dennoch ermahne ich dich. Du darfst die Menschen nicht beeinflussen. Das könnte meinen Plan ändern und ihn in eine ungünstige Richtung lenken. Ich muss mich auf meine Engelschar verlassen können. Es ist schon schwer genug, sich nicht auf die Menschen verlassen zu können. Aber … habe Vertrauen. In dich und in mich, und vor allem in meinen Plan. Wirst du vertrauen, Gliffirano?«
»Ja, Herrgott Vater. Ich vertraue. So wie ich den Glauben besitze und die Liebe verspüre, welche du ganz besonders für uns hegst.«
»Nun denn. Du bist ein guter Engel, und ich danke dir für deine Ehrlichkeit.
Bemühe dich nun wieder umgehend um Gerechtes und um Gutes. Ich werde Joshua aufsuchen.«
»Ich danke dir, Vater. Ich werde deinem Wunsch nachkommen, und ich werde beten für die Menschen dort auf der Erde.«
Als Gott auf den Planeten zukam, auf dem Joshua sich aufhielt, traute er seinen Augen nicht. Überall lagen Kugelschreiber, Buntstifte, Bleistifte und Feuerzeuge sowie eine Menge anderer bunter Kleinigkeiten. Gegenstände, die niemand vermisste.
Der Planet war übersät mit all diesen Dingen, und von seiner einstigen Kargheit war nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil.
Nun schimmerte er wie die Erde. Aber nicht nur in einem wunderschönen Blau, sondern in tausenden von Farben. Farben, die noch nie jemand zuvor sah.
»Joshua!«
»Oh, Heiliger Vater. Ihr kommt mich besuchen. Hier auf dem Kugelschreiberplaneten. Ist etwas passiert?«
»Das würde ich gerne von dir erfahren, Joshua. Bist du klaren Verstandes, und weißt du um die Aufgabe, die es auf der Erde so dringlich zu erfüllen gilt?«
»Vater. Herrgott. Heiliger. Aber natürlich weiß ich um die Aufgabe. Du selbst gabst sie uns vor … warte … vierunddreißigtausend Millionen Minuten und ─«
»Joshua! Beantworte bitte meine Frage und lass ─«
»Herrgott Vater! Ich bin zwar nicht immer klaren Verstandes, das war ja dein Wunsch und Wille, aber ich weiß um meine Aufgaben. Ich nahm all diese Dinge hier, sowohl die Kugelschreiber als auch die Feuerzeuge, ich nahm sie von denen, die viel zu viel besaßen. Es sollte ja nicht auffallen, und es fiel nicht auf. So sehr sind gerade diese Dinge im Überfluss dort auf der Erde. Ich wollte sie zu den Armen bringen, aber soll ich dir etwas verraten, Vater? Als ich zu ihnen flog, da kam mir plötzlich so ein merkwürdiger Gedanke. So ein schräger Gedanke. So einer, der wirr in meinem Kopf umherkreiste und sich nicht in die ›Normalschublade‹ legen ließ. Grad so, wie du mich magst und ich dir gefalle. Anders eben.
Und da wusste ich, was zu tun war. Ich machte den armen Menschen auf der Erde eine größere, außergewöhnlichere Freude, wenn ich all die Dinge nicht an sie verteilen würde, sondern hierherbrächte.«
Gott wollte erneut und mit Nachdruck erfahren, was es damit auf sich hatte, aber Joshua kam ihm zuvor.
»Warte, Vater. Es geht weiter. Ich brachte die Dinge hierher. Aus zweierlei Gründen. Zum einen verschönert es diesen öden Planeten. Sieh dich um, Herrgott. Ist es nicht viel schöner so? Und zum anderen entsteht hier Hoffnung. Denn immer wenn es regnet, wäscht der Regen die Farben aus den Kugelschreibern und Stiften, und all die Farben vermischen sich und sind von der Erde aus zu sehen. Und damit es noch schöner aussieht, habe ich einen Bogen gespannt. Einen riesigen Bogen von da nach dort.«
Joshua beschrieb mit seinen Armen einen gewaltigen Bogen. So gewaltig, dass sogar Gott staunte. Wenn auch nur für einen kurzen, langen Moment.
»So sind die abertausenden Farben nun für immer als Regenbogen zu erkennen.«
»Joshua, Joshua. Was bist du doch für ein Engel?«
»Ein ganz bunter und seltsamer. Aber ein recht Guter, meine ich.«
Nun musste Gott lachen, und auch Joshua lachte. Aber dann wollte Joshua weiterberichten, denn es gab noch mehr Wichtiges zu erzählen.
»Herrgott Vater, die Feuerzeuge!«
»Was ist mit den Feuerzeugen?«
»Sie sind Symbole.«
Gott wurde still und ganz außergewöhnlich aufmerksam, als er diese Worte von Joshua hörte.
»Jedes einzelne Feuerzeug gibt einen Funken. Aber aus einem Funken wird eine Flamme, und aus einer Flamme kann ein riesiger Brand entstehen. Verstehst du, Herrgott Vater? Jede Nacht betätige ich die Feuerzeuge ganz kurz, und jeder einzelne Funke ist von der Erde aus als funkelnder Stern am Nachthimmel zu erkennen. Und wenn die Menschen nun in den Himmel sehen, dann bekommen sie ein Gefühl der Hoffnung. Hoffnung auf eine bessere Welt.
Wenn alle Menschen hoffen, dann kann aus einem Funken ein Feuer entstehen. Dann entsteht eine gemeinsame Kraft, die sie vielleicht auf einen besseren Weg bringt. Denn Hoffnung ist, in meinem Verständnis, so wichtig. Ohne Hoffnung haben sie gar nichts. Weder die einen, die im Überfluss leben, noch die Armen. Sie alle sollten Hoffnung auf eine bessere Zukunft in sich tragen, um den Weg für einen verständnisvolleren Umgang miteinander, mit der Natur und dem ganzen Planeten zu ebnen.«
»Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Du bist etwas ganz Besonderes. Und es sind die außergewöhnlichen Seelen, die es schaffen, etwas zu verändern. Deshalb gibt es sie auch, und vor allem auf meiner wunderschönen Erde.«
»Sie ist nicht verloren, Herrgott Vater! Habe ich Recht?«
»Ich wusste, was du hier machen würdest, bevor du es machtest. So solltest auch du wissen, wie es um die Erde steht. Du kennst ihn, meinen Plan. Lasse deinen schrägen Gedanken freien Lauf, und du findest die Antwort.«