Das Bison Helen

Nach einer wahren Begebenheit

»Mein Name ist Helen. Die Welt, in der ich lebe, ist dunkel. Sehr dunkel. Schwarz. Kein Licht, kein Schatten. Meine Welt kennt keine Farben. Nicht einmal Ansätze von Schattierungen. Nichts. Nur tiefschwarze Dunkelheit. Von Anbeginn, denn ich kam blind zur Welt.
Meine anderen Sinnesorgane, wie beispielsweise das Gehör und der Geruchssinn, müssen meine Blindheit ausgleichen, indem sie aufmerksamer funktionieren. Aber das ist schwer. Sehr schwer, denn ich habe niemanden, der mir hilft, meine Sinne zu schärfen, damit ich mich in dieser Dunkelheit besser zurechtfinde. Dennoch versuche ich, mein Leben zu meistern, so gut es eben geht.
Wäre ich ein Mensch und blind in diese Welt hineingeboren, würde ich vielleicht Hilfe und Unterstützung bekommen, um mein Leben einfacher zu gestalten. Einfacher?
Aber ich bin kein Mensch, ich bin ein Tier. Ein Bison. Manche sagen Büffel, das ist ok, aber nicht ganz richtig. Mir macht das nichts aus. Bison oder Büffel. Ich bin ein Lebewesen.

Ich kam ohne Augenlicht zur Welt, und es gab für mich nur Schwärze. Ich wusste nicht, dass es eine andere Welt gab. Eine Welt voller Farben und einer Sonne und einem Sternenhimmel. Da ich aber nicht alleine war, sondern in einer Herde mit anderen Bisons zusammenlebte, wunderte ich mich auch nicht. Auch nicht, als ich zwei Tage nach meiner Geburt gegen den Stacheldrahtzaun lief, mich darin verfing und mir den halben Kopf an dem blöden Ding aufriss. Es schmerzte. Natürlich schmerzte es, und ich schrie. Nach meiner Mutter. Wegen der höllischen Schmerzen. Aus Instinkt. Das würde jedes andere Jungtier ebenso machen, wenn es versehentlich in die falsche Richtung lief, weil es in dieser Welt der Dunkelheit noch völlig orientierungslos war. Außerdem wusste ich nichts von einem Stacheldrahtzaun. Wie auch?
Ich sah ihn nicht. Ich sah überhaupt nichts!
Meine Mutter kam herbeigerannt und tröstete mich. Natürlich nicht so wie bei den Menschen. Es gab weder die sanften Worte einer fürsorglichen Mutter, die mich wissen ließen, dass ich nicht sterben würde, noch ein Pflaster und erst recht kein Trostpflaster, wie etwa ein Eis oder einen Besuch im Zoo oder sonst etwas.
Meine Mutter kam zu mir, roch an meinen blutenden Verletzungen, leckte mit ihrer rauen Zunge daran und stieß mich dann sanft mit ihrem gewaltigen Bisonkopf in die Richtung, in die die anderen Herdentiere auf der Weide liefen. Dafür liebte ich sie, und es war ein wundervolles Gefühl, so eine Mutter zu haben.
Als ich das zweite Mal in den Zaun lief und mich verletzte, schien sie weniger Zeit für mich zu haben, denn sie unterließ das fürsorgliche Schnuppern und schnauben, welches mir Zuversicht gab und die Angst nahm, nicht doch an den Verletzungen sterben zu müssen. Sie leckte auch nicht mit ihrer Zunge über meinen Kopf oder gab mir sonst irgendein Zeichen, welches mich instinktiv wissen ließ, dass alles in Ordnung war und sie mich liebte und ich nicht sterben würde. Sie stieß mich zwar wieder mit ihrem Kopf in eine sichere Richtung, wobei mir aber dieses zweite Mal etwas unsanfter vorkam. Aber wie ich schon erwähnte, Mutter schien irgendwie wenig Zeit für mich zu haben. Zum Glück war ich schon ein paar Tage älter und konnte nun besser auf den Beinen stehen, und so lief ich in die Richtung, in die sie mich schubste. Meine Ohren halfen mir dabei. Allerdings musste ich alle paar Meter anhalten, meine Fellohren etwas aufrichten und meinen Kopf langsam hin und her bewegen, um die anderen Tiere unserer Herde wahrzunehmen. Wir waren etwa fünfundzwanzig Bisontiere, und wir lebten gemeinsam auf einer riesigen Weide. Jeden Abend trotteten wir gemeinsam in einen Stall, der mit frischem Stroh ausgelegt war, und wo wir, vor Kälte geschützt, meist die Nacht verbrachten. Die Menschen versorgten uns mit leckerem zusätzlichem Futter, und manchmal kamen sie und nahmen eines unserer Herdentiere mit. Das kam dann nicht mehr zurück, aber es wurden ja, genau wie ich, neue Bisonkälbchen geboren.
Ich stand also da und lauschte. Lauschte nach den anderen Tieren. Nach ihrem Schnauben und den Lauten ihrer Hufe auf der Weide und nach allen möglichen anderen Geräuschen, die sie machten, und die mir den Weg zu ihnen wiesen.
Ich war gerne in ihrer Nähe und bei meiner Mutter, denn in ihrer Gegenwart fühlte ich mich viel sicherer, als wenn ich alleine auf der Weide stand, weil ich meine Umgebung so schlecht wahrnahm. Dann hatte ich Angst. Angst davor, wieder in den Weidezaum zu laufen oder über die Tränke zu stürzen oder in einen Fuchsbau zu treten und mir meinen Knöchel zu verstauchen oder gegen die Scheune zu rennen, weil ich das Tor nicht sah, durch das die anderen Bisons liefen.
So hatte ich eigentlich ständig Schmerzen und auch Angst vor neuen Verletzungen. Irgendwie fand ich das ganze Bisonleben nach ein paar Wochen anstrengend und deprimierend, denn ich konnte mich bei all der Dunkelheit und den Verletzungen und Schmerzen gar nicht mehr richtig freuen. Als ich eines Vormittages zum siebzehnten Mal mit dem Kopf in den Stacheldrahtzaun lief und mich dabei so sehr verletzte, dass ich vor Schmerzen laut schrie, kam meine Mutter nicht mehr. Sie hatte immer weniger Zeit für mich, obwohl ich sie auf unserer Weide ständig spürte, roch und hörte.
Leider kam ich auf der Flucht vor dem Zaun nicht weit, denn der Farmer hatte seinen Traktor auf der Weide abgestellt, und ich rannte mit solcher Wucht dagegen, dass ich umfiel und ohnmächtig wurde. Schwarz und dunkel war es ja immer schon, aber dieses Mal war es anders, als ich durch den Aufprall mein Bewusstsein verlor. Etwa so, als würde ich schlafen und intensiv träumen, aber doch anders. Ich fühlte mich plötzlich ganz leicht und glücklich, verspürte keinerlei Schmerzen, und auf einmal erschien ein Licht in dieser Dunkelheit.
Es war, als könnte ich zum allerersten Mal etwas sehen. Ich wusste nicht genau, was es war, denn ich hatte ja nie zuvor etwas gesehen, aber das Licht wurde stärker und heller. Es erfüllte mich mit Wärme und einem Gefühl, als würde mich meine Mutter umsorgen, und die Angst, die ich all die letzten Tage verspürt hatte, verschwand mit einem Schlag.
Und dann, inmitten dieses Lichts, erkannte ich plötzlich Umrisse und auch Bewegungen. Ich hatte keine Erklärung dafür. Die Umrisse wurden immer deutlicher, und ich wusste instinktiv, dass es die anderen Herdenmitglieder waren. Und nun sah ich auch Farben. Es mussten Farben sein. Es war unglaublich! Ich konnte sehen. Es waren die Farben der Natur, wie man mich später lehrte. Leuchtende, wunderschöne Farben!
Das Braun der anderen Tiere, das saftige Grün des Weidegrases und auch das Blau des Himmels. Ich sah die anderen Kälber und meine Mutter. Die gesamte Bisonherde. Alle Tiere kamen zu mir und freuten sich mit mir über dieses Wunder. Ich konnte die Welt mit all seiner Schönheit und all seinen Farben sehen. Es war, als wäre ich niemals blind gewesen. Es fühlte sich gut an. Nein, es fühlte sich großartig an. Einzigartig. Fantastisch. Ich wollte nicht mehr weg von diesem Ort.
Ich fing an zu tanzen und zu springen und mich zu freuen. Aber die Freude währte nicht lange, denn ganz langsam verblassten die Farben wieder, und die Bewegungen der anderen Tiere verschwammen in einem dichten Nebel. Mir wurde kalt, und auch die Angst kam zurück.
Nur dieses Mal war sie viel intensiver, diese Angst, denn nun wusste ich um die Welt, die mir bislang verborgen geblieben war. Ich fing an zu weinen und flehte, dass es nicht aufhören sollte. Aber es half nichts. Die Farben verblichen, und die Herde auf der grünen Weide verschwand zusehends. Auch der Himmel, der so wunderschön war, verdunkelte sich. Aus blau wurde grau, und aus grau wurde schwarz, alle Farben verschwanden, bis es nur noch Dunkelheit gab. Es war alles weg.
Mir wurde furchtbar kalt, und ich wurde unendlich traurig. Es sollte nicht aufhören. Nicht vorbei sein.
Aber es war zu Ende, ich war wieder gefangen in der Einsamkeit der ewigen Nacht, in die ich hineingeboren worden war.

An diesem Tag kam ich zu der Erkenntnis, dass ich mir selbst helfen musste und mich nicht mehr auf die Hilfe meiner Mutter verlassen konnte. Und auch auf sonst niemanden.
Es gelang mir, unter Schmerzen aufzustehen und meine missliche Lage zu meistern. Das dauerte ziemlich lange und war mühsam. Immer wieder rief ich um Hilfe, aber niemand kam. Weder meine Mutter noch ein anderes Herdenmitglied, auch kein Farmer oder sonst irgendwer. Ich war ganz allein und auf mich gestellt, und mir wurde klar, dass mit mir etwas nicht stimmte.
Es musste damit zu tun haben, dass ich nicht sehen konnte und deswegen eine Belastung für die anderen Tiere darstellte. Das wiederum konnte nur bedeuten, dass sie nicht blind waren.
Aber was genau bedeutete es, in einer Welt zu leben, die nur aus Dunkelheit bestand? Woher sollte ich das wissen? Ich kannte es nicht anders. Diese Erkenntnis an jenem Tag machte mich unsagbar traurig, und es gab nur eine Möglichkeit, ohne die Hilfe der anderen zurechtzukommen.
Zwar war ich noch sehr jung, aber mein Instinkt funktionierte überaus gut, und dieser Instinkt ließ mich wissen, was zu tun war.
Ich musste mich meinem Schicksal stellen.
Um das zu erreichen, wurde es Zeit, meine Kindheit aufzugeben, denn mein verspieltes und unbekümmertes Verhalten war schuld daran, dass ich mich immer wieder in diese schmerzhaften Situationen brachte, mich im Stacheldraht verfing, gegen die Scheune lief oder über die Tränke stolperte und mich dabei ständig verletzte.
Es verging kein Tag, an dem ich nicht litt, denn die blutenden und entzündeten Wunden ließen mir kaum Möglichkeit, um klar denken zu können.
Aber ich benötigte meinen Verstand.
Mehr als jedes andere Tier auf der Weide.
Ich benötigte meine ganze Konzentration, um mich endlich besser in der Dunkelheit zurechtzufinden.
Es dauerte zwar ein paar Tage, aber die Wunden heilten. Ich vermied es, mit den anderen auf die Weide zu gehen. Stattdessen blieb ich dicht an der Scheune.
So dicht, dass ich die Außenwände immer wieder mit meinem Körper berührte oder ihren hölzernen Geruch in meiner Nase verspürte.
Dicht an dem Gebäude entlang, ging ich nur noch ein paar Schritte hinaus.
Da ich von den anderen Tieren, allen voran meiner Mutter, keine Hilfe zu erwarten hatte, konnte diese Idee nicht viel schlechter sein, als sich täglich den Gefahren und Widrigkeiten auszusetzen, die dort auf der Weide lauerten.
Meine Idee stellte sich schnell als erfolgreich heraus, denn nun verletzte ich mich nicht mehr, und die vorhandenen Wunden heilten bald ab. Aber dass ich mich nun ständig dicht gedrängt an der Seitenwand der Scheune aufhielt, hatte auch einen großen Nachteil für mich. Dort im Schatten wuchs das Weidegras nicht so üppig, und schon bald bekam ich nicht genug zu essen. Vor allem fehlten die so wichtigen Nährstoffe, die ich benötigte, um zu wachsen und mich zu entwickeln, denn normalerweise hätte mich meine Mutter viel länger gesäugt. So aber war ich auch im Fall der Nahrungsaufnahme von nun an ganz auf mich allein gestellt.
Es waren schwierige Zeiten, aber ich lernte, mit den Herausforderungen umzugehen und auch den andauernden Hunger etwas in den Griff zu bekommen, indem ich langsamer aß und mich überhaupt langsamer bewegte.
Eine Sache konnte ich jedoch nicht verhindern. Ich vereinsamte immer mehr. Es gab niemanden, der sich um mich kümmerte oder mal nach mir sah. Auch den Farmer spürte ich immer seltener in meiner Nähe.
Und so wuchs ich im Schatten der großen Scheune in Einsamkeit auf. Ich entwickelte mich nicht so schnell wie die anderen Tiere, da ich nicht genug Sonnenlicht und Nahrung bekam. Mein Fell wurde stumpf, und ich fühlte mich ständig müde, da mir die nötige Energie fehlte. Aber das störte mich nicht sonderlich, denn ich stand ja ohnehin die meiste Zeit an der Seite der Scheune oder schlief dort.
Nach ein paar Wochen war das Schlafen für mich zu etwas sehr Schönem geworden, denn wenn ich schlief, spürte ich weder die Einsamkeit noch die ständige Traurigkeit. Außerdem fehlte mir auch bald die Kraft, um den ganzen Tag zu stehen. Also schlief ich noch mehr, aß wenig und bewegte mich kaum noch.
Wenn es Abend wurde, weckte mich das Hufgetrampel der anderen Tiere, die an mir vorüberzogen und gemeinsam ihren Schlafplatz in der Scheune aufsuchten. Dann wusste ich, dass die Nacht anbrach und es eigentlich Zeit wurde, ihnen in die sichere Scheune zu folgen.
Aber an diesem Abend blieb ich einfach liegen, denn es war nicht kalt. Warum sollte ich meine kostbare Energie darauf verschwenden, mich zu erheben und ihnen nachzugehen? Hier, außerhalb der Scheune, in meiner sandigen Mulde, die mittlerweile entstanden war, konnte ich auch recht gut liegen. Also warum nicht die Nacht hier verbringen? Und so blieb ich, wo ich war. Ebenso auch die nächste Nacht und die übernächste, und irgendwann wurde es zur Gewohnheit, und ich schlief fortan nur noch draußen. Hätte der Farmer etwas dagegen einzuwenden gehabt, hätte er es mich schon spüren lassen.
So wuchs ich auf. Im Schatten der großen Scheune. Ohne die anderen Bisons. Ohne Freude und ohne richtig zu leben.
Die Monate vergingen, und als der Winter langsam über das Land zog, blieb ich trotzdem draußen liegen. Ich grub mich tiefer in meine sandige Kuhle und machte mich ganz klein, um mich gegen die Kälte und die aufziehenden Schneestürme zu schützen, während die anderen Herdentiere die Wintermonate in der Scheune verbrachten und mit frischem Stroh und sauberem Wasser versorgt wurden.
Als der Frühling kam und der Farmer die Herde eines sonnigen morgens auf die Weide laufen ließ, blieb ich liegen. Ich stand nur noch auf, um mir etwas Nahrung aus dem kargen Boden zu wühlen, kaute ein wenig darauf herum und legte mich wieder schlafen. Und jedes Mal, bevor ich in einen tiefen Schlaf versank, hoffte ich darauf, wieder von all den Farben zu träumen und von all den schönen Dingen, die ich nicht sehen konnte. Aber meine Traumwelt blieb schwarz. Genauso wie die Realität. Mir wurde klar, dass man nur aus Dingen, die man sah, Träume entwickeln konnte, und da ich schon blind zur Welt gekommen war, gab es keine Träume für mich. Nach ein paar Jahren hatte ich die Hoffnung verloren, von etwas Schönem zu träumen, wie an jenem Tag, als ich mit voller Wucht gegen den Traktor gelaufen war. Es blieb bei diesem einmaligen Traumerlebnis.

Und dann, eines Nachts, wurde ich wach.
Die anderen Herdentiere waren ebenfalls schon hellwach, irgendetwas stimmte nicht, denn sie waren allesamt unruhig. Ich witterte eine Gefahr. Eine große Gefahr.
Dass sich ein Wolf im Schutze der Dunkelheit näherte, ahnte ich nicht, aber ich spürte, dass ich mich erheben musste, um der drohenden Gefahr zu entgehen. Es fiel mir sehr schwer, denn ich war schwach, und meine Beine trugen kaum mein Gewicht. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich von der Scheune wegmusste, also erhob ich mich. Nur langsam kam ich auf die Beine, und ich lehnte mich an die Scheune, um nicht gleich wieder umzufallen. Die Gefahr kam näher, und mir wurde bewusst, dass ich mich in einer lebensbedrohlichen Situation befand. Und nun fingen die Bisons an zu rufen und zu schreien und mit den Hufen zu trampeln, weil sie ebenfalls die tödliche Gefahr spürten. Es gab nur eine Möglichkeit für mich. Ich musste rennen. Weg von meinem sandigen Schlafplatz und weg von der Scheune. Also rannte ich einfach los. Auch auf die Gefahr hin, mich in meiner Dunkelheit erneut zu verletzen. Immer noch besser, als von einem Wolf gerissen und bei lebendigem Leibe verspeist zu werden.
Ich drehte meinen Kopf von der Scheune weg und rannte los. Na ja, rennen konnte man das nicht nennen. Vielmehr war es ein Eierlauf, und nach ein paar Metern spürte ich, dass der Wolf nun dicht hinter mir war. Ich versuchte, schneller zu werden, aber ich war seit Ewigkeiten nicht mehr gelaufen, und ich wusste, dass ich jetzt sterben würde, denn der Wolf war nun fast bei mir. Der Instinkt sagt uns Tieren, wann wir sterben, dadurch werden uns die Schmerzen und die Angst genommen.
Dadurch konnte ich noch einmal etwas schneller laufen. Dann kam der Zaun und das Letzte, woran ich mich erinnerte, war ein lauter Knall.
Als ich Sekunden später zu mir kam, dachte ich erst, ich wäre wirklich tot, aber ich war am Leben, denn ich verspürte enorme Schmerzen, und mir wurde klar, dass ich wieder in den Stacheldrahtzaun gelaufen war. Der Wolf schien nicht mehr in der Nähe zu sein, denn ich spürte ihn nicht, und mein Instinkt sagte mir, dass keine Gefahr mehr von ihm ausging.
Ich hing jedoch mit dem Kopf so fest, dass ich große Schwierigkeiten hatte, als ich versuchte, mich von dem Draht zu lösen. Ich war wohl zu schnell gelaufen, denn dieses Mal steckte ich ziemlich fest, und die Stacheln des Drahtzaunes bohrten sich immer tiefer in meinen Kopf und auch in meinen Hals.
Und so sehr ich mich auch bemühte, mich zu befreien, es gelang mir nicht. Ganz im Gegenteil. Der blöde Stacheldrahtzaun griff mich weiter an und bohrte seine Stacheln nach und nach immer tiefer in mein Fleisch, und es blutete
Aber dann kam der Farmer und befreite mich. Zum Glück.
Es machte ein komisches Geräusch, als ich befreit wurde. Es gab immer so ein kurzes Klicken, und nach und nach lösten sich der Drahtzaun und auch die Stacheln aus meinem Hals und Kopf. Die Schmerzen ließen nach. Nur ein wenig, aber es war ein gutes Gefühl, endlich freizukommen.
Ich war dem Farmer sehr dankbar, und nachdem ich ganz von dem gemeinen Zaun befreit war, gab es sogar noch etwas Zuwendung.
Ich bekam ein paar Hiebe mit irgendeinem Teil auf meinen Hintern und Rücken, so dass ich blitzartig davonlief.
Die Menschen sind schon seltsam, denn das tat fast so weh wie der Stacheldraht, der meine Haut aufgerissen hatte. Aber besser schmerzende Zuwendung als gar keine, dachte ich mir und sprang mit einem Satz davon.
Als ich meine Schlafmulde an der Außenwand der Scheune wiederfand, war von den anderen Bisons nichts mehr zu hören. Sie schliefen alle wieder, und so legte auch ich mich erneut zum Schlafen an meinen gewohnten Platz. Die Herde hatte mir das Leben gerettet, indem sie mit den unruhigen Rufen den Farmer alarmierte, der mich dann mit diesem lauten Knall von der Gefahr des Wolfes befreit hatte.
Ich war völlig erschöpft und hatte furchtbare Schmerzen, aber ich war am Leben, und das war das Wichtigste.
Durch das Verhalten der anderen Herdenmitglieder kam ein Gefühl von Geborgenheit in mir auf. In dieser Nacht vergaß ich mein schweres Schicksal und auch die Schmerzen. Müde, aber zufrieden, schlief ich ein.

Als ich wieder erwachte, fühlte ich mich taub und benebelt. Unbekannte Gerüche umgaben mich. Eine leichte Wärme ließ mich wissen, dass der neue Tag schon angebrochen war. Aber irgendetwas war anders an diesem Morgen. Es roch weder nach frischem Stroh noch nach Gras, und ich bekam wieder schreckliche Angst. Ich versuchte, mich zu erinnern, was passiert war, aber mein schmerzender Kopf ließ keine klaren Gedanken zu.
Der Zaun. Mama?
Mein Instinkt verriet mir, dass die anderen Herdentiere nicht in meiner Nähe waren. So etwas würde ein Tier wie ich sofort wahrnehmen. Aber ich spürte weder die Nähe meiner Mutter noch die eines anderen Herdenmitgliedes. Was ich aber ganz deutlich witterte, waren Fremde. Fremde Tiere, und irgendwo waren auch fremde Menschen. Der Geruch des Farmers war nicht dabei. Kein mir vertrauter Duft war unter den unzähligen Gerüchen, die mir in die Nase stiegen. Es roch nach Holz und Dreck und nach etwas Verbranntem, was ich nicht kannte. Außerdem waren da laute Geräusche, die ich noch nie gehört hatte. Das verursachte noch mehr Angst in mir, ich begann zu zittern und wollte zurück zu meiner Mutter und den anderen Tieren. Zurück in meine vertraute Umgebung. Von mir aus auch zurück zu dem Stacheldraht.
Hier war alles unbekannt, hier drohte irgendeine Gefahr, die ich nicht kannte. Und ich konnte nichts sehen.
Der Traktor, die Farben …
Ich versuchte, mich zu erheben, um wegzulaufen, aber ich konnte mich nicht richtig bewegen, denn es befand sich irgendetwas an meinen Beinen, das mich daran hinderte.
Als ich meinen Kopf drehte, konnte ich den Geruch zuordnen. Ein Seil!
Es war der gleiche Geruch eines Seils, welches auch der Farmer benutzte, um einige Tiere abends in dem Stall anzubinden, damit sie nichts anstellten. Der große Bisonbulle hatte oft versucht, das Tor mit seinen Hörnern zu öffnen, und seitdem setzte der Farmer ein Seil ein, um ihn davon abzuhalten und zu beruhigen.
Man hatte mir die Hinterläufe mit einem Seil zusammengebunden, deshalb konnte ich nicht aufstehen und wegrennen.
Plötzlich begann es, heftig zu rumpeln. Der Holzboden fing an zu wackeln und lautes Gedröhne, das mir auch völlig unbekannt war, drang an meine Ohren und steigerte meine Angst noch mehr. Ich schrie, und in Panik versuchte ich, mich aus den Fesseln zu befreien, aber es gelang mir nicht.
So lag ich da, schreiend auf dem kalten, seltsam riechenden Boden und zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Ich begann zu weinen. Innerlich. Vor Angst. Vor Schmerzen. Vor Verzweiflung. Am liebsten wäre ich genau in diesem Moment gestorben. Wenn es einen Gott, einen Schöpfer gab, dann sollte er mich jetzt von meinem Schicksal erlösen und machen, dass mein Herz aufhören würde zu schlagen.
Aber ich wurde nicht erhört, und mein schweres Herz hörte nicht auf zu schlagen. Ganz im Gegenteil. Es raste immer schneller, und das heftige Pochen dröhnte in meinen Ohren und machte mich fast taub.
Alles um mich herum war nur noch schrecklich laut, feindlich und fremd.
Und ganz plötzlich, inmitten all dem Unruhigen, wurde es auch noch stürmisch. Es schien, als würde die Welt untergehen.
Ein kalter Wind blies mir so heftig in mein Fell, dass ich anfing zu frieren. Ich friere normalerweise nicht so leicht, aber ich lag ungeschützt auf diesem rappelnden Etwas aus Holzbohlen, die nach Teer und Unrat rochen. Der plötzlich aufkommende Sturm wurde immer heftiger und die Geräusche lauter.
Zitternd ließ ich diese Tortur einfach über mich ergehen, während ich weiter in mich hineinweinte und nach meiner Mutter rief. Vergebens.
Der Lärm und die seltsamen Gerüche hielten lange an, und ich war kurz davor zu erfrieren. Doch mit einem Mal wurde es ruhiger um mich herum. Auch der Sturm legte sich wieder, und dann wurde es still. Gespenstisch still.
Die Angst. Mama.
Regungslos blieb ich liegen. Ohnehin war ich starr vor Kälte, und die Angst vor dem Ungewissen lähmte mich zusätzlich.
Die Zeit blieb stehen.
Was passierte jetzt? Müsste ich weitere Schmerzen und Qualen ertragen? Warum half Mutter mir nicht so wie früher, als ich klein war und an ihrer Seite weilte? Warum brachte man mich fort von der Farm? Würde ich nun sterben?
Fragen, auf die es keine Antworten gab.
Ich konnte nichts sehen, meine Umgebung nicht wahrnehmen …
Ich spürte meinen Körper kaum noch. Nur mein Herz, wie es vor Angst in meiner Brust hämmerte und sich immer wieder überschlug.
Noch einmal betete ich.
Bitte, wenn es dich gibt, lieber Gott, dann lass es schnell gehen. Lass mich nicht länger leiden. Mach bitte, dass es aufhört und ich die Farben wiedersehe. So wie damals, als ich gegen den Traktor lief und das Bewusstsein verlor.
Hilf mir. Bitte!«

Doch Helens Gebete wurden wieder nicht erhört. Ganz im Gegenteil, sie lag nur da und zitterte vor Kälte und Todesangst.
Mit einem Mal vernahm sie Stimmen und spürte die Gegenwart von Menschen. Fremde Menschenstimmen, die sie nicht einordnen konnte, weil sie bislang ausnahmslos die Stimme des Farmers kannte.
Ihr Instinkt arbeitete auf Hochtouren und riet ihr, sich ganz still zu verhalten, während die Stimmen lauter wurden und sich mit dem Schlagen ihres Herzens vermischten, welches heftig in ihren Ohren pochte.
Sie mussten in unmittelbarer Nähe sein.
Knarrende Geräusche. Ein Wackeln. Das Rasseln von Ketten. Immer wieder Stimmen und fremdartige Gerüche. Schritte.
Sie sind da! Dicht bei mir. Nicht bewegen.
Und dann war da diese Berührung. Wie aus dem Nichts. An ihrer Seite. Am Kopf. Eine Hand.
Und eine Stimme. So wie die innere Stimme ihrer Mutter. Ein weibliches Wesen. Eine Frau. Mit einer sanften Stimme.
»Ganz ruhig. Ruhig. Du bist in Sicherheit. Ganz ruhig, mein Mädchen. Alles ist gut.«
Es folge eine weitere Berührung. Ein Streicheln. Wärme.
Zuwendung.
Helen beruhigte sich etwas, und auch die Angst wich langsam. Ihr Herz schlug nicht mehr so schnell, und die Schmerzen ließen nach.
»Helft mir mit den Fesseln. Vorsichtig. Ganz vorsichtig. Sie hat furchtbare Angst.
Und bringt mir die Decken, schnell!«
Helen war in einem furchtbaren Zustand, völlig abgemagert und entkräftet.
Sie wog nur noch halb so viel wie ein gesunder ausgewachsener Bison.
Während der letzten Monate, in denen Helen im Schutze der alten Scheune vor sich hinvegetierte, hatte sie kaum noch gefressen, und das war auch der Grund, warum der Farmer sie abholen ließ.
Er sah keine andere Möglichkeit mehr, als sie zu diesem Gnadenhof bringen zu lassen, denn in der sandigen Kuhle am Rande der Scheune wäre sie früher oder später an Unterernährung verendet.
So aber war sie gerettet und in Sicherheit.
Ihre Angst wich noch weiter, als sie erkannte, dass ihr nichts Böses geschah und sie von den schmerzenden Fesseln befreit wurde.
Die Seile an ihren Gelenken dienten lediglich ihrem eigenen Schutz, denn so konnte verhindert werden, dass sie während des Transports stürzte und sich womöglich verletzte.
Man half ihr vorsichtig auf die Beine, und viele Hände geleiteten sie behutsam von der Ladefläche des Transporters hinunter auf festen Boden.
Helen ließ es geschehen und sich führen, denn sie war am Ende ihrer Kräfte, aber es war ein gutes Gefühl, von den Menschen so vorsichtig auf festen Boden geführt zu werden.
Noch immer war sie ein wenig ängstlich und unsicher. Alles war fremdartig und unbekannt. Und dunkel.
Aber die sanfte Stimme der weiblichen Person, welche sie zur Weide begleitete, beruhigte Helen zusehends.
Vertraute Gerüche von frischem Wiesengras und Heu stiegen ihr in die Nase, und nun spürte sie auch die Nähe anderer Tiere.
Die Menschen um sie herum, die sich nun aufopfernd um Helen kümmerten, streichelten sie wieder und wieder und gaben ihr durch die Zuwendungen ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit. Helen spürte, dass sie sich in der Dunkelheit und der fremden Umgebung nun nicht mehr zu fürchten brauchte.
Nie zuvor erfuhr sie solche Zuwendung, und ihr war, als wären ihre Gebete doch erhört wurden.
Helen wurde von den Menschen behutsam in einen Stall geführt, in der eigens für sie eine Box eingerichtet worden war, in der frisches Stroh lag, um ihr die Ankunft so angenehm wie möglich zu gestalten.
Es gab eine Tränke, in der immer frisches Trinkwasser zur Verfügung stand, und einen zusätzlichen Trog, in dem Kraftfutter für sie bereitstand, um sie schnell wieder auf die Beine zu bringen, denn sie hatte in den letzten Monaten über neunzig Kilogramm an Gewicht verloren.
Die Menschen, die hier arbeiteten, kümmerten sich mit Hingabe um solch kranke und alte Tiere.
Sie hatten einfach kein Verständnis dafür, dass man diese Lebewesen aussortierte wie alte Socken und sie zum Schlachter trieb.
Jeder Mensch hat ein Recht darauf zu leben, und sei er noch so alt und noch so krank, und so sollte es doch auch mit den Tieren sein.
Aus diesem Grund errichteten sie sogenannte Gnadenhöfe, auf denen verwaiste, alte und kranke Tiere ihren Lebensabend in Würde verbringen konnten.
Helen spürte diese liebevolle und positive Aura, von der sie umgeben war, nachdem sie in ihrer Box gefressen und getrunken hatte und erschöpft, aber selig, in das Bett aus Stroh sank und einschlief.
Als Helen am nächsten Morgen wach wurde, fehlte ihr zunächst die Orientierung, da sie sich noch nicht an die fremde Umgebung gewöhnt hatte. Aber als ihr die Gerüche von frischem Stroh und andere schöne Düfte in die Nase stiegen, überkam sie ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit.
Sie erhob sich und hielt ihren Kopf in die Höhe, um die verschiedenen Gerüche der neuen Umgebung besser aufnehmen zu können. Sie roch andere Tiere. Pferde, Esel, Kühe, Bisons und viele andere Dinge, die sie nicht kannte und nicht zuordnen konnte.
Dann kamen erneut die Menschen zu ihr, die sie tags zuvor hierhergeführt hatten und kümmerten sich um Helen, indem sie ihr den Trog mit frischem Futter auffüllten, sie begutachteten und ihr beruhigend zuredeten.
Mit jedem Tag, den Helen nun hier verbrachte, ging es ihr besser.
Zumindest körperlich, denn nach einer Weile stellte sich das gleiche beklemmende Gefühl ein wie in den Jahren auf der Farm, in denen sie abgeschieden von den anderen Tieren vor sich hinvegetiert hatte. Es war das Gefühl von Einsamkeit, denn Helen fand auf dem Hof, auf dem sie nun lebte, keinen Anschluss an andere Tiere, da sie sich in ihrer Dunkelheit nicht orientieren konnte und man sie fast ausschließlich alleine in der Box hielt.
Die Menschen taten dieses zu ihrem Schutz, denn so wollten sie vermeiden, dass sie sich oder andere Tiere verletzte.
Helen geriet zusehends in eine immer schlechtere Verfassung und fraß kaum noch, obwohl sie zweimal täglich viel frisches und gesundes Futter bekam.
So lag sie die meiste Zeit auf dem Boden, wie damals auf der Farm, und ließ die dunklen Tage an sich vorüberziehen, ohne wahrlich am Leben teilzunehmen. Bis ihr eines Tages ein seltsam vertrauter Geruch in die Nase stieg, als sie zufällig den Kopf über die Box hob, in der sie sich nun seit über neun Wochen befand.
Der Duft unterschied sich von allen anderen Gerüchen hier in der Umgebung, und er erinnerte Helen an die Zeit, als sie selbst erst wenige Stunden alt war und noch unsicher auf den Beinen.
Der neue Geruch verwirrte sie, machte sie aber sehr neugierig, da sie ihn nicht zuordnen konnte und sich wunderte, warum sie an ihre junge Kindheit erinnert wurde.
Und mit einem Mal, wie aus dem Nichts, hörte Helen ein Rufen. Es war der Ruf eines Jungtieres nach seiner Mutter. Ein kläglicher, ängstlicher Ruf, so wie Helen damals selbst nach ihrer Mutter gerufen hatte, als sie von ihr alleingelassen worden war. Helen hob den Kopf noch höher und sog den Geruch tief ein. Das kleine Kälbchen musste hier irgendwo in unmittelbarer Nähe sein.
Und tatsächlich wurde der Geruch immer intensiver.
Nun bemerkte sie die Menschen und den Duft des Kälbchens direkt in der Box nebenan. Sofort wurde Helens Mutterinstinkt geweckt, und sie antwortete auf die Rufe, die ihr wieder und wieder in die Ohren drangen. Instinktiv drückte Helen ihren Körper dicht an die Holzwand, die sie von dem Kälbchen trennte, und auch das junge Rind suchte sofort die Nähe des Bisons, da es durch das Zurufen Vertrautheit ausstrahlte und ihm damit die Angst nahm.
Die Menschen erkannten die Situation und entschlossen sich, das Kälbchen zu Helen in die Box zu bringen.
Helen stand ganz still da und lauschte, als man ihren Verschlag öffnete, um das Kalb zu ihr zu führen.
Sie spürte es und wartete nur ab, während die Menschen behutsam und mit viel Geduld das ängstliche Kälbchen zu ihr brachten. Es war, als wüsste Helen, was nun geschah.
Ohne zu zögern, nahm das Kälbchen augenblicklich Helen als neue Mutter an. Als es das große Bisonweibchen sah, begann es sofort, entspannt zu futtern und zu trinken.
Helen war außer sich vor Freude, und von dem Tag an waren die beiden unzertrennlich. Helen schöpfte neuen Lebensmut, sie fraß wieder gut und kümmerte sich fortan rührend um »ihr« Junges.
Nach einer Weile ließ man die beiden gemeinsam auf die angrenzende Weide, und es machte den Anschein, als spürte das junge Rind, dass Helen in ihrer Blindheit unsicher war. Und so führte es seine Mutter, dicht an ihre Seite geschmiegt, Schritt für Schritt über die Wiese.
Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Helen trotz der ewigen Dunkelheit glücklich, denn nun hatte ihr Leben einen Sinn.
Aus Dankbarkeit wich sie von nun an nicht mehr von der Seite des Kalbes.
Sie lebten glücklich und zufrieden, und Helen wusste nun, dass es einen Gott gab und ihre Gebete erhört worden waren.

Ende